WhatsApp Sticker

„Pornos und Hitler sind nicht witzig“

Viele Schülerinnen und Schüler beklagen sich über grenzwertige Sticker in WhatsApp-Gruppen. Teilweise geht es sogar um strafbare Bilder in Klassenchats – auch in jüngeren Jahrgangsstufen.

Derzeit berichten viele Schülerinnen und Schüler in unseren Workshops von unangenehmen Stickern, die bei WhatsApp u.a. in Klassenchats verschickt werden. Dabei drucksen einige Mädchen und Jungen erst einmal herum und trauen sich nicht sofort anzusprechen, was sie stört. Oft heißt es „mich nerven ekelhafte Sticker“, wird dann aber konkreter „ich will eigentlich keine Porno-Sticker auf meinem Handy haben“ bis hin zu „das was XYZ immer verschickt, finde ich pervers“. Spätestens jetzt bricht es aus einigen heraus: „Auch die Sticker mit Hitler will ich nicht haben!“ und „meine Mutter hat schon überlegt, euch anzuzeigen wegen den Hakenkreuzen!“

Während zu Beginn dieser Diskussion noch manche in der Klasse lachen, wird plötzlich allen klar: hier ist eine Grenze überschritten worden. Und das nicht nur einmal, sondern eventuell sogar öfter in den letzten Wochen. Allerdings ist einigen diese Situation im Chat nie deutlich geworden, sondern erst jetzt im persönlichen Gespräch mit der Klasse.

Ein Schüler fragte in diesem Zusammenhang ganz entsetzt: „Wenn euch das so stört, warum habt ihr nie was gesagt?“ Diese Frage diskutieren wir derzeit in vielen Klassen. Viele fühlen sich gestört, aber selten wehrt sich jemand. „Ich ignoriere das lieber“, erklärte eine Schülerin einer 6. Klasse. „Ich hasse es, wenn der Klassenchat mit Stickern vollgespammt wird. Dann weiß ich, dass da wieder ekelhafte Sachen sind und ich gehe nur kurz in den Chat, damit er als gelesen markiert wird“, beschreibt ein Mädchen aus einer 8. Klasse. Ein anderer Mitschüler sprach von Hemmungen, sich zu wehren: „Ich will mich ja nicht mit anderen anlegen, auch wenn ich die Sticker nicht mag“. Durch den fehlenden Widerspruch der Gruppe entsteht eine Dynamik, die dazu führt, dass die Schülerinnen und Schüler im Recht und umso mehr motiviert fühlen, noch radikalere Sticker zu versenden.

Problemfeld Sticker

So wie hier beschrieben, geht es derzeit vielen Klassen. Einige Schulen werden von entsetzten Eltern informiert, manche Schülerinnen und Schüler wenden sich hilfesuchend an Lehrkräfte. Im Rahmen des Erlasses zur Zusammenarbeit von Schule und Polizei werden Strafanzeigen gestellt, bspw. wegen des Versendens von Symbolen, die nach §86 StGB in Deutschland verboten sind. Hierbei geht es um Hakenkreuze und andere rechtextremistische Symbole. Hinzu kommen Sticker mit pornografischen Inhalten, bis hin zu Collagen, die prinzipiell kinderpornografischen Darstellungen entsprechen.

Sticker gibt es seit Herbst 2018 bei WhatsApp. Dabei sind Sticker natürlich nicht grundsätzlich problematisch, sondern können eine Kommunikation in Chats zweifelsfrei bereichern. Es stellt sich natürlich dennoch die Frage, ob dieses Phänomen der volksverhetzenden oder diskriminierenden Bilder erst durch die Einführung der Sticker entstanden ist. Schließlich war es schon vorher ohne weiteres möglich, problematische derartige Inhalte per WhatsApp zu verbreiten. Im Unterschied zu Fotos oder Bildern sind die Sticker durch eine eigene kleine Galerie, vergleichbar mit den Emojis, viel schneller zur Hand. Auf diese Weise ist die Hemmschwelle, „mal eben schnell“ einen anstößigen Sticker zu verwenden viel geringer, als ein Foto aus der Galerie des Smartphones zu suchen. Nicht selten gibt es spezielle Gruppen, in denen es ausschließlich darum geht, Sticker auszutauschen. Etwas Vergleichbares hat es mit Bildern oder Fotos nicht gegeben.

Sticker-Sammlungen können auf verschiedene Art und Weise heruntergeladen werden. Dabei haben die Anbieter nicht unbedingt Kinder und Jugendliche als Zielgruppe: Pornografische Sticker, die ausschließlich unter Erwachsenen kommuniziert werden, sind für Kinder entsprechend völlig unerheblich. Auch andere Sticker mit (ggf. subjektiv) grenzwertigem Humor sind nicht pauschal verboten. Nicht jeder Sticker mit einem grinsenden Hitler stellt eine Straftat dar. Dennoch ist vielen Erwachsenen insbesondere in Gruppen nicht immer bewusst, dass auch jüngere Nutzer in den Gruppen sind. So gelangen Sticker, die primär Erwachsene als Zielgruppe haben, schnell auf den Smartphones von Jugendlichen. Eine entsprechende Sensibilität ist bei vielen Erwachsenen offenbar nicht vorhanden. Zumal auch unterstellt werden kann, dass es vielen schlichtweg egal oder sogar – wenn es um politisch gefärbte Sticker geht – eine Verbreitung auch unter Jugendlichen erwünscht ist. So sind auch NPD-Plakate oder teilweise offen volksverhetzende Parolen unter Stickern zu finden. Hinzu kommt, dass Sticker auch relativ unkompliziert selber erstellt werden können.

„Wer ist denn dieser Hitler?“

Nicht jeder, der Hitler-Sticker verwendet hat zwangsläufig einen rechtsradikalen Hintergrund. Ein Hitlerwitz im kleinen Kreis mag lustig sein, wenn alle Beteiligten den Witz einordnen und entsprechende Ironie erkennen können. Die textbasierte Kommunikation in Chats lässt allerdings viel mehr Interpretationsspielraum bzw. Raum für Missverständnisse zu.

Problematischer als geschmackloser Humor ist die Unkenntnis über Rechtsextremismus und fehlende Sensibilität für Antisemitismus. Ein mit der Überschrift „Grand Theft Auschwitz“ Sticker mit einer Collage, bestehend u.a. aus einem Foto von Anne Frank und Adolf Hitler, taucht immer wieder in Gruppen auf. Dabei handelt es sich auf den ersten Blick um eine Anspielung auf das sehr verbreitete Computerspiel „Grand Theft Auto“. Auch wenn das Spiel eine Altersfreigabe von 18 Jahren bekommen hat, ist es in den Jahrgangsstufen fünf und sechs durchaus beliebt. So wird dieser Sticker als lustige Anspielung auf das Spiel verstanden und schnell verschickt. Anne Frank wird von vielen gar nicht erkannt bzw. ist Anne Frank für viele als Person völlig unbekannt. Viele Kinder der 5. bis 7. Klassen gehen mit Anspielungen auf Hitler und dem gesamten Problemfeld der Nazizeit in Stickern sehr unbedarft um, weil sie hierzu einfach noch gar kein Hintergrundwissen haben. Nach einer Studie der Körber Stiftung aus dem Jahre 2017 wissen nur 47 Prozent der 14- bis 16-Jährigen, dass Auschwitz ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis im Zweiten Weltkrieg war. Bei jüngeren Kindern wird die Zahl noch wesentlich geringer sein.

„Ich war total erschrocken, dass viele aus meiner Klasse nicht genau wussten, wer Hitler ist“ berichtete ein vierzehnjähriger Schüler in einem außerschulischen Workshop von smiley e.V. zum Thema Umgang mit Hassnachrichten und Falschmeldungen in sozialen Netzwerken, „Unser Lehrer hat uns in Geschichte vom Zweiten Weltkrieg erzählt, vieles wusste ich schon, aber manche hatten gar keine Ahnung!“ Auf die Frage, warum er sich denn auskennt, erklärte er: „Naja, da redet man doch mit seinen Eltern drüber.“ Das ist vermutlich in vielen Familien so, aber bestimmt nicht in allen. Im Geschichtsunterricht wird der Zweite Weltkrieg und der Holocaust erst ab der 9. Klasse im Geschichtsunterricht behandelt. So verblüfft dann die Frage einer Sechstklässlerin „Wer ist denn dieser Hitler?“ nur auf den ersten Blick.

Zur Schulzeit der meisten Eltern war das anders. In den 80er und 90er Jahren wurde die Nazi-Zeit in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik, Religion oder Werte und Normen in unterschiedlichen Kontexten schon ab der dritten oder vierten Klasse thematisiert. Mitunter entstand die Sorge, dass junge Menschen irgendwann von diesem Themenkomplex überdrüssig werden, dass eine ernsthafte oder nachhaltige Auseinandersetzung gar nicht mehr stattfindet.

Verantwortung, Aufklärung und Empathie

Allerdings sind diskriminierende, volksverhetzende und antisemitische Sticker zurzeit eher kein Thema für den Geschichtsunterricht, sondern gehören zur jetzigen Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Kinder, die mit Ihren Eltern auf empathischer Ebene über diese Themen sprechen und sogar wissen, wie Anne Frank aussah, werden einen Sticker mit Hakenkreuzen, Anne Frank und einem lachenden Hitler nicht teilen. Schon gar nicht, wenn „Vergasen!“ als Slogan darin vorkommt. Ebenfalls gibt es aus unserer Erfahrung Schulen, die unabhängig des Lehrplans hier die Kinder auf das Problemfeld vorbereiten. Nicht selten passiert das als Intervention, wenn es auch anderweitig rechtextremistische Vorkommnisse gegeben hat. Das sind seit jeher oft Hakenkreuze auf Türen der Schultoiletten.

„Wir reagieren auf jeden antisemitischen Witz so wie wir auch auf Antisemitismus reagieren: Wir nehmen das sehr ernst“, erklärte eine Lehrerin die Haltung ihrer Schule, „Egal wo das passiert“. Dabei kann einer dieser Orte auch das Internet sein. Selbst wenn die Person, die den Sticker gepostet hat nur ein Scherz machen wollte, muss das Thema grundsätzlich angegangen werden. Zu groß ist das Risiko, dass eine scherzhafte Auseinandersetzung mit derart sensiblen Themen unter Kindern eine ideologische Prägung nach sich zieht. Viele Kinder und Jugendliche verfügen nicht über das Ironieverständnis, das benötigt wird, um mit schwarzem Humor dieser Art umgehen zu können. Von daher spielt es keine Rolle, ob die Person, die einen entsprechenden Sticker verschickt lustig sein will oder tatsächlich eine extremistische Gesinnung zur Schau trägt: es geht um die Wirkung!

Oder mit den Worten einer Schülerin, die nach hitziger Debatte im Klassenraum über ekelhafte und rassistische Sticker in aller Deutlichkeit sagte: „Pornos und Hitler sind nicht witzig“

Dieser Beitrag wurde am 13.12.2019 verfasst.



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