Transkript:
Ralf: An diesem Medienerziehung Montag gibt es eine ganz besondere Folge unseres Podcasts Was mit Medienerziehung. Es handelt sich dabei um die Aufzeichnung des Live Podcasts am 13. November 2025 im Rahmen des Niedersächsischen Tags der Medienkompetenz in Hannover. Mein Kollege Moritz und ich hatten die Möglichkeit, mit Anna Grebe die Moderation des gesamten Tages einschließlich der beiden Eröffnungsvorträge und der Podiumsdiskussion am Ende moderierte, über verschiedene Aspekte der Medienerziehung zu diskutieren.
Moritz: Wir sind hier live auf dem Tag der Medienkompetenz. Heute, am Donnerstag, den 13. November 2025. Und wir sind zu dritt hier. Ich bin Moritz Becker. Ich arbeite für den Verein Smiley e.V.. Neben mir sitzt mein lieber Kollege Ralf.
Ralf: Ja, mein Name ist Ralf Willius. Auch ich arbeite für Smiley e.V. und zu meiner Rechten haben wir.
Anna: Anna Grebe ist mein Name. Ich bin Beraterin für Jugendbeteiligung und Jugendpolitik und habe auch selbst einen Podcast bzw zwei einmal "Berufsjugendlich" und "22 Millionen Kinder und Jugendliche im Fokus". Ich würde sagen We are a perfect match.
Moritz: Auf jeden Fall. Ich freue mich schon sehr lange auf den heutigen Tag. Der Tag der Medienkompetenz. Ich weiß gar nicht, seit wann es denn gibt. Den gibt es seit einigen Jahren 2009. Wir sitzen jetzt hier in einem Raum. Hier sind sehr viele Stühle, aber auch einige Menschen. Und alle, die sich an dieser Podcastfolge beteiligen wollen, melden sich einfach. Wir haben dann hier ein Handmikrofon, mit dem wir dann zu euch kommen würden, falls ihr euch an der Diskussion beteiligen wollt. Und für alle, die nur zuhören oder die Folge hören Wir sitzen direkt hinter der Tür. Das heißt es kann sein. Anna kriegt ja manchmal so die Tür in den Rücken. Aber das macht nichts. Ich habe.
Anna: Dir macht's nichts, weil du nicht an der Tür sitzt.
Moritz: Ich glaube, so, das ist der Unterschied zwischen Live und Podcast. Wir nehmen den immer bei uns in der Küche auf. In meiner Küche. Ihr macht das professioneller? Nehme ich an, oder?
Anna: Nee, glaube nicht. Unprofessioneller als ihr, auch wenn ich hier eure tollen Mikros angucke. Wirklich. Jendrik lebt und arbeitet in Essen. Ich lebe und ich lebe in Berlin, aber arbeite so ziemlich überall. Das heißt, wir nehmen tatsächlich über Riverside an zwei unterschiedlichen Orten auf. Und genau das ist ein bisschen ein anderes Setting. Tatsächlich.
Moritz: Wir hatten eine Förderung von Aktion Mensch. Zwei Jahre wurde der Podcast gefördert und dann hatten wir so viel Geld, dass wir uns Mikrofone gekauft haben.
Ralf: Drei.
Moritz: Ich habe den Eröffnungsvortrag geschwänzt. Also ich hatte überlegt, ob ich jetzt so tue, als hätte ich heute Morgen viel Wichtigeres zu tun gehabt. Hatte ich nicht. Was habe ich verpasst?
Ralf: Zwei sehr unterschiedliche Vorträge, würde ich sagen. Du hast es moderiert. Ich habe dich an manchen Stellen nicht so beneidet.
Anna: Ich mich selber auch nicht, weil es ist ja so ich habe unterschiedliche Rollen. Als Moderation ist meine Rolle, keine Meinung zu haben. Das ist in meinem Gesicht spiegelt sich das manchmal wieder, dass mir das nicht so leicht fällt. Und heute Morgen fiel es mir nicht so leicht. Aber mein Job als Moderatorin ist, Räume zu öffnen für Austausch und Diskussion. Ich bin jetzt im Nachhinein ganz froh, dass ich nicht inhaltlich hätte beteiligt sein können und dass ich es auch nicht war, weil mir ist manchmal wirklich die Hutschnur geplatzt. Gebe ich offen zu.
Moritz: Was, was, was passiert?
Anna: Es waren zwei sehr unterschiedliche Vorträge. Der erste Vortrag eher aus einer wie soll man es sagen? Ich würde nicht mal sagen psychiatrisch psychologischen Sicht, ehrlich gesagt, sondern eine Person. Der Dr. Fischer, der eben in einer Psychiatrie für Kinder und Jugendliche arbeitet und aber gar nicht so sehr aus dieser Praxis berichtet hat, sondern in einer Vielzahl an Folien mit shiny Bildern mit Auch das liebt man so Wissenschaftsgrafiken, weil da fühlt man sich gleich so erschlagen. Er hat einfach gezeigt, wie.
Ralf: Ganz schnell durchgeklickt auch.
Anna: Ganz, ganz schnell und Sachen übersprungen. Und ich versteh das auch, dass man den Vortrag dann nicht jedes Mal neu aufsetzt. Aber so die Essenz war für mich auch nach dem ersten Vortrag. Dieses Internet ist sehr, sehr böse, komplett außer Kontrolle und eigentlich sind auch die Kinder selber verantwortlich dafür, sich da jetzt irgendwie aus der entweder aus der Sache rauszukriegen, sich selber zu regulieren. Oder ich hatte eigentlich erwartet, dass er häufiger über Verbote spricht. Das war gar nicht so sehr die Essenz, aber ich würde sagen sehr defizitärer Blick auf Kinder und Jugendliche. Ich kann das aus der Profession heraus verstehen, aber demgegenüber war dann der Vortrag von Professor Haug Thun eher das, da mein anderer Kritikpunkt schulisch orientiert und da ich arbeite nicht an Schule, ich arbeite mit Schule, aber mir kam da einfach die Rolle von Medienbildung, Kinder und Jugendhilfe an vielen Stellen zu kurz. Und das können wir alle total gut in so großen Phrasen wie Visionen, Zukunft. Das klingt immer alles ganz toll, aber es wurde für mich dann auch nicht so konkret. Bis auf die letzten zwölf Slides, die sie dann in 30 Sekunden noch mal durchgejagt hat. Ich weiß nicht, wie dir das erging, Ralf.
Ralf: Mir ging es ähnlich. Ich hatte gerade im ersten Vortrag fehlte mir so ein bisschen auch die Eltern ja komplett. Also das hast du, glaube ich, am Ende auch. Ich habe mich so gefreut über deine erste Frage. Ja, weil diese Kinder wurden so dargestellt, als wenn sie alle völlig unmündig sind und wir als Eltern oder Pädagogen als. Wir lassen die einfach da. So alleine hatte ich das Gefühl. Und das ist es ja überhaupt gar nicht. Und auch gar nicht die Idee von Medienpädagogik. Und da fühle ich mich im zweiten Vortrag tatsächlich auch viel mehr abgeholt. Ein visionärer Gedanke. Ich fand es sehr zukunftsweisend bzw ein bisschen hohes Wort, aber ich fand die Idee sehr schön, einfach das mal zu überdenken, dass wir 2025 haben.
Moritz: Ich glaube, wenn man Menschen fragt, die in der Therapie tätig sind und den Fokus haben auf die Menschen, die da tatsächlich überfordert sind, ist es glaube ich, sehr schwierig, so den Blick zu öffnen. Ich hatte mal eine sehr spannende Situation in einer Schulklasse, wo wir generell darüber sprechen wollen, wie wir mit Konflikten in Social Media umgeht. Und ich habe da so ein Fallbeispiel, was ich dann immer erzähle. Da gibt es dann irgendwie oder so meine Idee, dann, dass man sich dann im Einzelchat ein bisschen verabredet. Was für eine Strategie finden wir, um den Gruppenchat irgendwie dann Positiv zu beeinflussen. Während ich von diesem Fallbeispiel erzählt, hat eine Schülerin mir ein komplettes Wort aus dem Mund genommen. Genau das haben wir vor zwei Wochen erlebt. Und erzählte dann ganz lebhaft von einem sehr drastischen Konflikt und wie sie den dann selber geregelt haben. Und ich war sehr beeindruckt. Da habe ich gesagt, das find ich toll, was sie da gemacht hat. Das ist für mich Zivilcourage. Die Klasse hat gesagt Ja, okay. Und der Klassenlehrer, der dabei war, fragte dann, wann das gewesen sein soll. Dann haben die im Handy nachgeguckt und gesagt vorletzte Woche, Donnerstag oder so. Und dann sagt er Das habe ich ja gar nicht mitbekommen. Und dann haben die Kinder gesagt In dieser Klasse, Ja, warum auch, wir haben das ja ohne sie hingekriegt. Und der Klassenlehrer hat danach zu mir gesagt Es war also fand ich sehr, sehr beeindruckend. Er meinte, dass er als Klassenlehrer diese Perspektive nie erlebt. Und er war sehr dankbar, dass er dabei sein durfte. Also nach unserem Konzept müssen die Lehrkräfte dabei sein. Das wissen die ja manchmal nicht. Und er sagte dann Das war für ihn einfach mal eine ganz andere Perspektive, weil er sagt, dass er als Lehrkraft immer nur beansprucht wird, wenn Dinge schiefgehen. Das heißt, er kriegt von Eltern Screenshots zugeschickt mit Beschimpfungen, Beleidigung. Und er sagt Auf die Weise hat man einen sehr defizitären Tunnelblick auf die Mediennutzung der Schülerinnen und Schüler. Und der sagte dann tatsächlich zu mir, er müsse eigentlich Räume schaffen, wo er auch das Positive erfährt, sodass er nicht immer nur defizitorientiert intervenieren muss, sondern eher auch positives Verhalten wertschätzen kann. Und das fand ich sehr bedeutsam. Und ich glaube, dass ganz viele Menschen im pädagogischen Alltag einen sehr einseitige Perspektive erleben, sodass dann vielleicht wirklich der Eindruck entsteht, das Internet ist ausschließlich gefährlich, weil alle Leute, mit denen ich zu tun habe, haben ein Problem.
Anna: Aber ich würde sagen, in unterschiedlichen pädagogischen Kontexten. Ich würde da eine Unterscheidung vornehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass in Schule als Ort, auch als Disziplinarort Lehrerinnen häufiger dafür zuständig sind, wenn es brennt, erst zu intervenieren, während wir in der Kinder und Jugendhilfe einen ganz anderen anpack haben. Also du kriegst im Jugendzentrum, du kriegst in der offenen Jugendarbeit, du kriegst in der Jugendverband Arbeit. Aber ich würde sagen, auch im HzE Bereich kriegst du ganz anders mit wie Kinder und Jugendliche Medienalltag erleben und gestalten und dadurch eben auch die positiven Beispiele. Dafür stehen sich zwei Systeme, die deshalb auch unterschiedliche Blicke auf Kinder und Jugendliche haben, gegenüber, weil sie Leistungen ganz anders bewerten, weil sie ein ganz anderes Menschenbild an vielen Stellen haben. Ich würde nicht sagen, dass es notwendigerweise immer clashed, aber das macht es so schwierig. Auch gut finde ich, zwischen Fachkräfte aus Schule und Fachkräfte, aus Kinder und Jugendhilfe zusammenzukommen. Und zum Thema Konflikt Ich fand das sehr gut. Ich war bei dem Vortrag wirklich innerlich krr. So habe ich dann auch Herrn Fischer danach gesagt, dass ich es krr fand aber was ich gut fand. Er hat dann später so einen Turn gekriegt und den finde ich richtig, richtig spannend zu sagen, Es geht genau um das wieder Räume zu schaffen, in denen man Konflikte aushandelt und selber wieder konfliktfähig zu werden. Und ich finde, den Turn hatte ich nicht erwartet. Über den würde ich gerne in einem ganz anderen Lichte sprechen. Nämlich Sind Eltern denn noch dazu fähig, Konflikte auszuhalten, die selbst inzwischen mit digitalen Medien groß geworden sind. Das war da. Um Eltern ging es nicht, um Eltern keine Elternverantwortung. Aber das war schon sehr, sehr interessant, wie er das dann so wir da so einen Spin reinbekommen hat.
Moritz: Ich glaube, das was Kinder brauchen, ist ein Ort, wo sie ohne Angst vor Konsequenzen ihre Meinung äußern können. Und das ist, glaube ich, gerade im Bereich der Mediennutzung schwierig, weil ich so den Eindruck habe, dass manche Kinder von uns Erwachsenen pauschal erwarten, dass wir das alles furchtbar finden, was sie da machen. Und das sagte mal ein Schüler zu mir, der meint Das ist total interessant. Die meisten Erwachsenen kennen alle Risiken von TikTok, obwohl sie es noch nie genutzt haben. Und ich glaube, so wirken wir oft auf Kinder und Jugendliche. Und das heißt, wenn ich jetzt davon ausgehen muss, wenn ich jetzt sage, ich habe meinetwegen mit 13 Jahren manchmal das Gefühl, ich kann mein Handy nicht weglegen, dann haben Kinder oft, glaube ich, so unterschwellig die Sorge, dass dann gesagt wird Ja, deshalb ist es besser, wenn wir es für 13-jährige verbieten. Oder, das ist der Punkt, weshalb ich glaube, dass Handys süchtig machen. Wenn man es schaffen würde, so eine Art brave Space zu schaffen, wo man sagt, hier dürfen alle alles sagen und niemand muss Sorge haben, dass wir dann Sucht unterstellen oder fehlende Kompetenz oder so. Ich glaube, das ist im Außerschulischen dann so ein ganz wichtiger Lernort, wo man dann wirklich auch voneinander lernen kann, diskutieren kann und vielleicht auch dann Resilienz von einem ganz anderen Hintergrund für sich selber vielleicht erproben kann. Das klang jetzt sehr kompliziert. Ich hoffe, man hat das verstanden. Aber ich wollte Resilienz sagen.
Ralf: Das Publikum nickt auf jeden Fall.
Anna: Resilienz ist ein gutes Wort. Ich finde es.
Ralf: Eine Meldung dahinten.
Anna: Entschuldigung.
Ralf: Bitte. Eine Meldung da hinten.
Publikum: Es ging gerade um diesen Aspekt. Ich hörte ja gerade Sucht unterstellen und. Ja. Und ich bin. Also, wir haben an unserer Schule. Wir sind eine freie Schule und wir haben schon vor diesen niedersächsischen Beschlüssen haben wir schon ein Handyverbot gemeinsam mit den Kindern beschlossen. Wir haben da immer ein offenes Format und die haben das selber eingesät Eltern, Kinder, Lernbegleiterinnen. Und ich finde bei diesem Aspekt, wenn man sich das anguckt, wir haben auch versucht, evidenzbasiert zu arbeiten. Was sagt die Forschung, was sagt Jonathan Haidt und so. Da muss man sagen, es geht hier um nicht substanzgebundene Suchtphänomene. Und da finde ich den Raum zum Experimentieren doch relativ eng. Wenn wir auf die Kinder gucken und das möchte ich dieses ja, wie gehen wir damit um und wie freihalten wir das alle? Das finde ich manchmal ein bisschen problematisch, wenn ich genau an diese nicht substanzgebundenen Süchte denke. Und die Einleitung derer.
Anna: Aber entschuldigung, da muss ich mal meine Rückfrage stellen. Du findest die Räume bei nicht substanzgebundenen Süchten enger als bei substanzgebunden. Ich würde sagen, bei substanzgebundenen Süchten haben wir einfach eine ganz andere, rechtliche Lage.
Publikum: Eine große, eine große Klarheit.
Anna: Eine große Klarheit, okay.
Publikum: Eine große Klarheit. Das ist das ja.
Moritz: Ich glaube das, was wir im Moment haben, in vielen Schulen, so wie du es berichtest, sind es ja viele Schulen mittlerweile, die auch die Erfahrung machen, dass die Schülerinnen und Schüler dann Nutzungsverbote als sehr positiv finden. Das finde ich ganz interessant, dass beispielsweise weiß gar nicht, welche Schule das in Hannover war. Da wurde es auch. Letztendlich wurden die befragt und die Schülerinnen und Schüler haben gesagt, das ist total positiv weil wir in einer Pause jetzt wieder mehr Zeit haben, miteinander zu sprechen. Wo man sich dann natürlich auch die Frage stellen muss warum haben die das dann nicht einfach gemacht? Das heißt also, warum haben die das nicht gemacht in dem Moment, wo die Handys noch hatten? Und ich glaube, dass Kinder die man einschränkt in einem Bereich, wo sie etwas noch nicht können, empfinden das auch nicht als problematische Einschränkung. Das heißt, wenn ein Kind jetzt merkt, ich kann mich selber noch nicht regulieren, das heißt, wenn ich ein Handy habe, gucke ich sofort drauf und dann kommt jemand und sagt okay, jetzt beschließe ich, dass du nicht mehr drauf gucken darfst. Dann ist das sehr entlastend für einen Menschen in dem Moment. Und ich glaube, dass die Problematik im Moment ist, wenn man jetzt tatsächlich sagt okay, wir vergleichen Smartphones jetzt mit einem klassischen Suchtmittel und deswegen wollen wir das aus der Schule verbannen. Stelle ich mir die Frage Sind die Eltern in der Lage, dann wirklich alles das zu leisten, was sie jetzt leisten müssen, wenn in der Schule Smartphones gar nicht mehr stattfinden? Und das ist für mich auch ein Experiment, was ich sehr riskant finde. Also ich glaube, das ist so, da habe ich ganz oft so, da merke ich auf der einen Seite klar, irgendwie ist es riskant jetzt. Man weiß nicht so genau, was macht das alles mit den Gehirnen von Kindern. Und gleichzeitig bin ich aber sehr sicher, dass in vielen Familien das noch problematischer zugeht, als es in der Schule zugehen könnte, wenn man beispielsweise dort Vereinbarungen trifft. In der Pause packen wir die Handys weg. Oder wir haben meinetwegen. In der zweiten Pause hat jeder mal zehn Minuten Zeit, aufs Handy zu gucken oder.
Ralf: Auch bei den Jahrgängen zu unterscheiden find ich.
Moritz: Ja gut, das auch. Aber ich glaube, das, was wir jetzt haben, ist auch ein Experiment, wo ich nicht sicher bin, ob wir da in 20 Jahren nicht vielleicht stehen und sagen Boah, das war letztendlich doch ein Fehler, überforderte Familien komplett alleine zu lassen mit dem Bereich Medienerziehung.
Anna: Aber ich finde, du hast da einen ganz wichtigen Punkt gemacht. Es geht um die Eltern, die Familien, die Erziehungsberechtigten. Wir haben in Deutschland aus guten Gründen in unserer Verfassung einen Vorrang des Elternrechts. Persönlich habe ich noch einen anderen Take auf das Thema Kinderrechte im Grundgesetz. Aber wir haben uns historisch darauf geeinigt, zumindest zuerst in Westdeutschland, später dann auch durch den Anschluss der ostdeutschen Bundesländer Gesamtdeutschland. Dass der Staat nicht in alles eingreifen darf, was in der Familie und was bei Eltern so los ist. Und das aus guten Gründen. Wir haben da historische Erfahrungen mit ein, zwei Diktaturen gemacht. Das muss man auch so sehen. Das ist für mich auch ein Punkt, warum man nicht immer sagen kann, die Schule ist für alles zuständig, weil die Eltern können das ja nicht mehr. Die Frage ist wie schaffen wir es, nicht nur Familien zu stärken, zu unterstützen, sondern wie schafft man es überhaupt? Ganz systemisch gedacht, an Familien wieder ranzukommen? Es ist ja nicht so, dass die nicht wollen oder dass die die Kapazitäten intellektuell nicht haben, sondern wir leben in einer Zeit, in der sehr viele Erwachsene nicht nur einen Job haben, sondern zwei, in denen sie darum ringen, Wohnraum zu haben, in denen sie darum ringen, Alltag bewältigen zu können. Dann reden wir noch nicht mal über Menschen, die hierher geflohen sind, die einen unklaren Aufenthaltsstatus haben. Weshalb das nicht nur für mich immer eine jugendpolitische Frage ist oder eine schulpolitische Frage. Bildungspolitische Frage. Dr. Fischer hat es gesagt. Das W-Wort Wirtschaft. Wir leben in einem kapitalistischen System. Man kann nicht immer nur sagen Das müssen die Kinder und das müssen die Eltern, da muss Schule oder so, sondern es geht darum zu überlegen, In was für einem Gesamtsystem ist denn diese Problematik jetzt eingebettet? Also ich finde Eltern, die den ganzen Tag malochen und dann auch noch sich abends hinsetzen sollen und mit ihren Kindern Mediennutzung, das ist ganz schön viel verlangt auf so vielen Ebenen. Ich finde, da muss man ein bisschen größer denken, auch wenn das jetzt ein schwieriger Lösungsansatz wäre, den Kapitalismus abzuschaffen. Es gibt Leute, die haben da sehr handfeste Ideen dazu. Das ist nicht mein Punkt, aber ich finde das noch mal größer zu ziehen, statt immer nur noch mehr Verantwortung auf Familie drauf zu werfen. Was müssen Eltern denn noch alles abfedern? Im Gegensatz zu na ja, also wo muss der Staat sich einmischen und wo geben wir nach. Das war mein Eindruck heute Vormittag. Wo sagen wir, das sind die Kinder, da müssen die Kinder auch irgendwie alleingelassen gucken, wie sie klarkommen. Ich finde das hochproblematisch.
Publikum: Noch zwei Wortmeldungen.
Ralf: Genau, das wollte ich auch gerade sagen.
Publikum: Ich war vorhin mal kurz auf sie kurz zurückkommen. Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie, dass Kinder noch nicht mal mit 18 Jahren die grundsätzliche Fähigkeit zur Selbstregulation ausgebildet haben. Das heißt, Kinder brauchen schon unsere Unterstützung. Ich gehe total mit. Natürlich ist sie komplett von Geräten fernhalten muss nicht sein. Aber ich würde gerade auch in so einem Kontext wie hier auch dafür plädieren, differenzierter auch zu gucken. Das wird ja auch gemacht. Aber es klang wohl so ein bisschen. Also Handy ja oder nein? Das ist für mich nicht die Frage. Ich habe ein 14-jährigen Sohn. Für mich ist es ein Unterschied, ob er da sitzt, Podcast hört oder ob er da sitzt und irgendwie ein Spiel zockt, ob er TikTok guckt oder ob er irgendwie etwas anderes macht. Und selbst bei TikTok ist es spannend. Ich weiß nicht, der ist da total politisch. Und es kommt darauf an, was sie auch damit machen. Aber es ist auch immer ein Zeitfaktor. Tatsächlich. Also es ist so schwer und wir machen so viel und wir reden so viel und reflektieren. Ich unterrichte an einer Fachschule für Sozialpädagogik Medienpädagogik und ich habe die Theorie im Kopf und ich kriege es nicht gut hin. Und da sind wir bei den Eltern. Und ich glaube, es gibt wirklich. Wir wissen es auch. Wir hatten es vorhin auch. Was war das? 50 % der Eltern lesen nicht vor. Ja, da geht es ja schon los mit Medienbildung. Und das sind oft aber auch Eltern, die nicht bewusst ist, wie wichtig so etwas ist. Und da sind wir bei der Familien, bei der Eltern Hilfe bei der Elternarbeit, die die Gesellschaft leisten muss. Aber ich sehe die Eltern absolut in der Verantwortung. Und ich finde, man kann sich da nicht von rausnehmen. Und da gibt es ganz viele unterschiedliche Familienkonstellationen. Warum das so ist? Will jetzt hier kein Soziologie Vortrag halten.
Anna: as können wir selber machen.
Publikum: Das finde ich aber total wichtig auch zu sehen, also differenzierter hinzuschauen. Was machen die eigentlich damit?
Moritz: Da muss ich dran denken an ein Gespräch, das ich mit einer Klasse hatte, wo eine Schülerin erzählte, dass sie manchmal nachmittags drei Stunden auf dem Bett liegt und TikTok Videos guckt und am Ende kann sich an kein einziges Video erinnern. Mein Gedanke war das war auch das, was die Klassenlehrerin sofort aus dem Bauch raus sagte Das ist doch Zeitverschwendung. Und sie beschrieb dann, dass das für sie so der Moment ist. Man kommt aus der Schule nach Hause. Schule war stressig, dann hat man Ärger mit den Eltern. Und dann sagte sie dann braucht sie Me-Time und Me-Time ist für sie aufs Bett legen, Handy nehmen und abtauchen in so einen endlos langen Stream von lauter Videos, die nicht nerven. Und ich glaube, dass das durchaus legitim ist, dass Kinder Me-Time brauchen, wo die einfach mal sagen jetzt ist alles egal. Die Was ich als spannend finde, ist, dass wahrscheinlich eine halbe Stunde gereicht hätte. Und der Algorithmus führt aber dazu, dass es dann eben drei Stunden werden. Und das ist wahrscheinlich auch gar nicht das, was das Mädchen eigentlich wollte oder brauchte. Und das bedeutet, dass hier eigentlich ein Kind angewiesen ist darauf, dass jemand, so habe ich das im Prinzip auch verstanden, dass da Eltern sind, die dann begrenzen und die dann ins Kinderzimmer kommen und sagen Guck mal hier, guck mal kurz auf die uhr, sagt das Kind Oh, stimmt. Und das ist etwas, was Kinder alleine nicht können. Aus verschiedenen Gründen. Vielleicht auch, weil das Gehirn das noch nicht kann, das sei mal dahingestellt. Und dann ist es so, dass in diesem Gespräch auf einmal ein anderer Schüler sagte, er könnte sich immer an die Videos erinnern, die er auf Tiktok guckt. Und er beschrieb dann, dass er das irgendwie so leidenschaftlicher Mountainbiker, so wie du es gerade beschrieben hast Videos auf Tiktok durch den Algorithmus, die irgendwas mit Mountainbiken zu tun haben. Und dann ist er so inspiriert und muss das ausprobieren, was er gerade in dem Video gesehen hat, sodass der kaum länger als drei Videos gucken kann und dann muss er das machen. Und das glaube ich, ist so ein Punkt, der glaube ich dazu führt, dass Kinder, die sehr kreativ sind oder die Leidenschaften haben oder die vielleicht in einem Umfeld groß werden, wo ihnen viele Angebote gemacht werden, künstlerisch oder so, die profitieren unter Umständen von Social Media, in dem sie dann dort inspiriert werden, während andere Kinder das nicht kriegen. Deshalb glaube ich, dass so eine Spaltung stattfinden kann zwischen den Familien, wo tolle Eltern sind, die ganz viel begleiten oder den Kindern Angebot machen und denen, wo das nicht passiert. Und da ist Schule, der Lernort, wo alle sind und ich glaube wo, um dann Chancengleichheit zu ermöglichen. Medienbildung Auf jeden Fall ganz wichtig vor dem Hintergrund Chancengleichheit einen ganz wichtigen Stellenwert haben sollte. Du schüttelst den Kopf?
Anna: Ja, weil ich das ganz schwierig finde. Also wir haben es ja auch heute gehört. Bildungsgerechtigkeit hängt ganz stark vom Milieu. Vom ökonomischen Status in Deutschland, in Deutschland. Ich rede hier gerade über Deutschland, hängt ganz stark davon ab. Das heißt, es wird auch immer eine Kette oder eine Kette losgetreten, dass das. Da bin ich dagegen zu sagen, na ja, die, die eh viele Angebote in ihrer Freizeit haben, weil Eltern sie zur Verfügung stellen, weil sie eben auch Zeit haben, weil sie vielleicht nicht unter dem ökonomischen Druck stehen wie andere. Die sind dann irgendwie dadurch kreativer oder haben mehr Möglichkeiten sozusagen. Das den TikTok Stream für Kreativität, für Intellektuelles, für Politik zu nutzen. Ich erlebe das Gegenteil tatsächlich, dass junge Menschen, die eher aus benachteiligten Familien kommen, für die. Da gibt es auch die Durchscroller. Das ist nicht der Punkt. Es gibt es überall, würde ich sagen. Aber das für die TikTok und auch andere Plattformen ein Fenster in die Welt bedeuten, dass sie auch ganz stark inspiriert, selber Content zu erstellen, selber noch mal zu gucken, was kann ich eigentlich machen mit den wenigen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen? Da muss man differenzieren, Da muss man sich auch überlegen, Um was geht es eigentlich wirklich? Vor allen Dingen, wenn wir darüber sprechen. 17. Kinder und Jugend Bericht der Bundesregierung. Kinder und Jugendliche sind nicht nur super divers im Äußeren, möchte man meinen, sondern wir reden auch ganz häufig darüber, dass Gehirne unterschiedlich funktionieren. Also auch da zu sagen, dass bestimmte Kinder, die nur Angebote zur Verfügung haben, bewusster wahrnehmen. Das wird Fragen von Neurodivergenz überhaupt nicht gerecht. Hier wurde die ganze Zeit über das Thema Dopamin und Serotoninausschüttung und soweiter gesprochen.
Moritz: Da habe ich keine Ahnung von.
Anna: Ja, genau. Aber wenn wir schon versuchen, auf so einer wissenschaftlichen Ebene uns immer wieder zu bewegen und das finde ich auch die Gefahr bei dem Thema mit so gefährlichem Halbwissen, da nehme ich mich nicht aus. Aber an der Stelle muss man eben auch sagen Gehirne sind ganz, ganz, ganz unterschiedlich. Und gehen und das sage ich aus eigener Betroffenheit ganz unterschiedlich mit Dopamin um. Bei Kindern ist es eben nicht nur so, dass weil sie Social Media nutzen, die Gehirne in eine bestimmte Art und Weise sich entwickeln. Sondern wir reden ja auch davon, dass die Gehirne vorher schon bzw wir haben es gehört, doch gehört schon. Bindung im Mutterleib nachher konfiguriert wird es aber nicht.
Moritz: Das würde doch aber dann schon bedeuten, dass wenn ein Kind beispielsweise völlig unabhängig vom Milieu in irgendeiner Form Leidenschaft hat und sich wirklich für etwas interessiert. Dann wird TikTok zu so einem Fenster für die Welt. So wie ich dich verstanden habe.
Anna: Ich würde eher sagen, dass auch noch, wenn keine Leidenschaft da ist. Also es muss nicht unbedingt schon vorher eine Leidenschaft sein und dann wird TikTok zum Fenster zur Welt, sondern man kann auch durch Tiktok, durch das, was einem da entgegenkommt Algorithmus. Hochproblematisch will ich überhaupt nicht. Das will ich überhaupt nicht außen vor lassen. Aber die Möglichkeit, überhaupt mit Themen, mit Stimmen, mit Personen in Kontakt zu kommen oder Kontakt übers Streamen. Das finde ich, macht schon einen Unterschied, auch in der Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe da mal was gesehen, wie das ist problematisch, aber dafür sind wir ja da, dann darüber zu sprechen. Aber mehr als meinen eigenen Kiez, mein eigenes Viertel oder so kennenzulernen. Meine eigene Schule. Das halte ich für sehr kreativ und sinnstiftend.
Ralf: Ich könnte euch jetzt noch stundenlang zuhören, aber bei unserem Podcast habe ich immer meine Rolle. Meine Rolle ist ja auch so ein bisschen mit auf die Zeit zu achten. Und wir haben mittlerweile noch 123 Meldungen aus dem Publikum und die würde ich gerne auch zu Wort kommen lassen.
Publikum: Ja. Ich würde gerne zum Thema Elternarbeit noch etwas ergänzen, weil ich hier heute, glaube ich, ein bisschen eine Randgruppe bin. Ich komme aus der Erwachsenenbildung und das eine Ding ist was sollen denn die Eltern noch alles tun? Der andere Punkt ist wir haben ein Riesenkompetenzproblem, weil wir sind hier heute glaube ich, eine ziemliche Bubble, denn wir verbringen heute einen ganzen Donnerstag mit dem Thema Medienkompetenz. Die allermeisten tun das, glaube ich, nicht. Und wie sollen denn Eltern ihre Kinder begleiten, wenn sie selber keinen Plan haben? Also gucken wir uns doch in unserem Freundes und Bekanntenkreis mal um. Wer googelt noch und wer fragt ChatGPT? Da kriege ich zu viel. Wie soll denn jemand, der dieses Verständnis hat, unter anderem neben vielen anderen Dingen die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Sicher mit Social Media umzugehen und sich dort in einem Safe Space. Ist es nicht. Würde ich sagen. Und die allermeisten können ihre Kinder dort gar nicht begleiten. Und deswegen müssen wir das verteilen. Auf viele Schultern ist mein Gefühl und-
Ralf: Und da kann Schule, ein Ort sein.
Publikum: Schule, auf jeden Fall ein Ort sein und so was wie eine Volkshochschule. Ein anderer dann vielleicht nicht für die Kinder, aber für die Eltern oder für die Lehrerinnen Fortbildung.
Moritz: Und ich glaube, das Wichtigste ist immer wieder, dass Eltern ansprechbar sind. Und das ist das, was ich vorhin sagen wollte, bei dem, dass ich glaube, dass manche Kinder immer den Verdacht haben, dass wenn die jetzt sagen Oh, ich bin manchmal zu lange am Handy, dass sie da denken, ja, dann wird gleich gesagt, Du bist süchtig, dass die Kinder das nicht sagen. Und das meine ich jetzt gar nicht, um zu diskutieren, ob das süchtig macht oder nicht. Das ist nicht mein Punkt, sondern mein Punkt ist, dass ich glaube, dass wir Eltern motivieren müssen, einfach mit einem, mit einer offenen Haltung ansprechbar zu sein. Dass ein Kind sagen kann Hier, Mama, Papa, ich habe das Problem. Ich bin länger am Handy gewesen, als ich wollte. Oder ich chatte mit jemandem, wo ich gerade gemerkt habe Der ist doch nicht so alt wie ich, sondern 20 Jahre älter. Und das, glaube ich, ist oft so eine Barriere, die entsteht, wenn wir als Erwachsene oder auch Eltern dann eher so einen sehr defizitorientierten Blick haben oder zumindest die Kinder davon ausgehen, dass wir den haben. Und das ist, denke ich. Je weniger Ahnung Eltern haben, desto ansprechbarer müssen sie sein, um im Zweifelsfall damit dem Kind zu sagen Toll, dass du mich angesprochen hast, dass du hier mit einem 30-jährigen chattest, der dich unter Druck setzt. Wir suchen uns jetzt Hilfe. Und das ist, glaube ich, so die Barriere, dass man sagt Ich schütze mein Kind, in dem ich ihm verboten habe, mit Erwachsenen zu chatten. Und das hilft oft leider gar nicht, sondern ist kontraproduktiv.
Publikum: Wir haben noch eine zweite Wortmeldung.
Publikum: Ich bin eher hospitierend aus der Informatik, tatsächlich unterwegs, aber habe auch einen recht kritischen Blick auf die modernen Algorithmen, weil ich sie auch kenne teilweise.
Moritz: Vielleicht gerade deshalb.
Publikum: Genau. Und also Verbote, wie man jetzt bei dem Kampf gegen Drogen schon gesehen hat in den letzten Jahrzehnten eigentlich. Verbote helfen nicht, die führen weder zur Eigenverantwortlichkeit. Noch gehen sie das eigentliche Problem an um die Ursachen. Weshalb werden die Leute dann abhängig von Suchtmitteln? Und in Argentinien, wo man das ganze Geld, was man den Kampf gegen Drogen gesteckt hat, einfach sich eingespart hat und umgeleitet hat in soziale Projekte, wo die Leute aufgefangen werden, die nämlich am ehesten zu Abhängigen werden. Da hat man viel mehr Erfolge verzeichnet, zum Ersten Mal überhaupt Erfolge verzeichnet, dass tatsächlich weniger Drogenumschlagplatz Plätze existieren und der Umsatz wirklich gesunken ist in illegalen Drogen, weil man denen die Gründe genommen hat, überhaupt erst die Abhängigkeit zu entwickeln, sage ich mal. Oder in Möglichkeiten, mal aus der Abhängigkeit herauszukommen. Und das sehe ich bei den handynutzenden Jugendlichen genauso. Da kenne ich auch beide Seiten, sowohl die, die es wirklich zum Doomscrolling benutzen weil sie teilweise völlig überlastet sind von ihrer gesamten sozialen Situation.
Moritz: Was ja auch ab und zu mal legitim ist.
Publikum: Natürlich als auch jene, denen es gut geht, die tatsächlich diese Mittel benutzen, um zum Beispiel Tutorials für irgendwelche Musikinstrumente, wo sie keinen Lehrer finden oder sich leisten können in der Gegend oder Sprachen oder Inspiration zum Kochen und Backen sich holen. Die gibt es natürlich auch. Da würde ich mir jetzt keine großen Sorgen machen, dass die abhängig werden und irgendwie fünf Stunden scrollen machen. Aber ich denke, man sollte vielleicht da ansetzen, wo die Ursachen für die Suchtentwicklung auftreten. Überhaupt erst. Und das sind in der Regel ganz andere Problematiken. Da sind die Suchtmittel nicht dran schuld, die sind nur ein Symptom.
Anna: Darf ich mal ganz kurz nachfragen wann das war In Argentinien?
Publikum: Das ist schon einige Jahre her.
Anna: Ja, genau deshalb wäre ich vorsichtig mit diesem Beispiel. Wir haben es mit Javier Milei, ein argentinischen Präsidenten, der genau das Gegenteil macht. Der sich eher wie die philippinische Regierung verhält, die ja einen harten Kampf führt, auch einen sehr blutigen Kampf gegen substanzabhängige Personen hat. Das stimmt. Also in der Sache Portugal hat, das würde ich mal sagen, auch ganz gut vorgemacht an dieser Stelle Argentinien wäre ich als Beispiel gerade vorsichtig, weil da läuft gerade genau das Gegenteil. Für die lieben Zuhörerinnen Argentinien schwierig gerade.
Moritz: Ich glaube, dass es manchmal sehr schmerzlich ist, sich zu überlegen Warum hat sich mein Gegenüber gerade entschieden, aufs Handy zu gucken, wenn ich mit ihm sprechen möchte? Und da hatte ich jetzt mit einer Jugendhilfeeinrichtung neulich in einer Fortbildung drüber gesprochen, die gesagt haben, dass das wahnsinnig schwierig ist, mit manchen Eltern zu arbeiten. Also Stichwort Erwachsenenbildung, weil. Da sitzen Eltern im Elterngespräch und die sind permanent am Handy, obwohl sie gerade dort eine Hilfe zur Erziehung oder sonst was. Da habe ich gefragt. Diese Eltern, die da sitzen, sitzen die da gerne? Und dann hat die Sozialarbeiterin gesagt Nee, das sitzen die da freiwillig. Nein, die sitzen da, weil sie Angst haben, dass ihnen sonst das Kind weggenommen wird. Ich sage Erhoffen diese Eltern sich durch dieses Gespräch einen Erkenntnisgewinn, der sie nach vorne bringt, dann hat sie es wahrscheinlich auch nicht. Und dann ist uns klar geworden, dass eigentlich das aufs Handy gucken. Das ist dann schön für uns selber. Wir sagen Ja, das bestimmt sucht bei dieser Frau, weil die will mir nicht zuhören, obwohl ich ja so interessant bin. Vielleicht muss man einfach sagen Klar, da ist gar keine Basis. Das heißt, da müsste man eher nach dem Gedanken diese Frau dazu befähigen, dass sie als leidenschaftliche Mutter oder was auch immer sich da in diesem Gespräch, wäre das jetzt ein bisschen sehr konstruiert. Aber ich glaube, das ist ein ganz zentraler Punkt, dass ich oft glaube, dass wenn wir das so auf Sucht beschränken, dann ermöglicht es mir zu sagen, dass hier 30 Kinder am Handy sitzen, liegt am Handy, aber nicht an meinem langweiligen Angebot, das ich gerade mache. Und das ist ja weiß ich nicht.
Ralf: Zu einfach.
Anna: Ja, und wenn ich noch mal ganz kurz über Hilfeplangespräche reden darf. Hilfeplangespräche. Du hast es gerade zu einem Halbsatz gesagt. Da geht es wirklich um ganz essenzielle Fragen, die auch lebensverändernde im Zweifelsfall sind. Und ich glaube, da geht es nicht nur darum, dass es nicht interessant ist, sondern was. Also wenn ich nervös werde, gucke ich auch aufs Handy. Wenn ich merke, also wenn ich meine Gefühle an der Stelle nicht selber regulieren kann, dann gibt mir auch mein Screen eine Möglichkeit, kurz darüber meine Gefühle zu regulieren bzw davon abzulenken, dass ich eigentlich gerade in einem Hilfeplangespräch, wo es um die Zukunft meiner Familie, meines Kindes geht, dass ich da gerade schreiend im Kreis laufen möchte.
Ralf: Ganz schön hilflos bin.
Anna: Ich bin absolut hilflos in der Situation. Ich finde, das ist dann auch wichtig. Wiederum Fachkräfte in den Jugendämtern, die in den Gesprächen sind, dafür auch zu sensibilisieren und zu sagen Wenn wir die ganze Zeit über Neurowissenschaften reden, müssen wir auch über uns Erwachsene reden. Ganz ehrlich Meine Eltern sind Mitte 60. Wisst ihr, wie häufig ich denen sagen muss am Tisch. Würdet ihr mal bitte euer Handy wegpacken?
Moritz: Vielleicht bist du gar nicht so interessant für deine Eltern wie du denkst.
Anna: Ja, das kommt noch dazu. Aber das ist wirklich. Ich weiß nicht, ob ihr diese Seniorinnen kennt, die diese Klapphandys haben. Die so mit so einem Ledermäppchen. Das ist wirklich so eine Handbewegung.
Moritz: Ich frage jetzt mal nicht, wer alles von den Menschen hier im Publikum so ein Mäppchen hat.
Anna: Ja, aber das ist total interessant zu sehen. Ich stelle eine Frage am Tisch. Und meine Mutter macht so diese Klappbewegungen. Ich guck mal kurz nach. Ich denke so. Nein. Dann sag es mir später. Aber ich bin jetzt auch nicht so häufig im Schwarzwald. Also ja.
Ralf: Wir haben noch eine Meldung im Publikum.
Publikum: Ich möchte ja. Also ich weiß, dass in den meisten Familien beide Elternteile inzwischen arbeiten und dass deshalb viele Leute an der Schule auch sagen Lasst uns bitte die Kinder in der Schule, im Ganztag, weil zu Hause machen sie nur Quatsch. Und die Hilfeplangespräche, die ich hier höre, deuten ja auch immer darauf hin, dass irgendwas schiefgegangen ist, dass eben das System Familie eben nicht mehr funktioniert. Und da finde ich auch, gerade im Bereich dieser Prävention muss man da ganz klar hingucken. Also das mit dem Blick haben, dass wir, dass wir da eine ganz andere, veränderte Struktur haben. Also ein Plädoyer für Ganztagsschulen in Deutschland eher erhalten sollten und für qualifizierte Ganztagsschulen, die auch ganz viel in diesem Präventionsbereich arbeiten können.
Moritz: Ich habe mit vielen Jugendzentren der außerschulischen Jugendarbeit gearbeitet, die dann erzählen, dass sie auch oft Teil der Ganztagsschulen vor Ort sind, wo die Schule sich auch heute ein ganz anderes Selbstverständnis braucht. So in der Form. Und ich habe jetzt gerade gestern haben wir eine Folge zwischendurch für unseren Podcast aufgenommen. Da haben wir uns mit der mit dieser Haftbefehl Doku auseinandergesetzt, die glaube ich für ganz viele Kinder auch obwohl die ab 16 ist. Laut Netflix glaube ich, sind viele Kinder und Jugendlichen, die auch geguckt haben, wo ich glaube, dass Haftbefehl dort als Vorbild mit jeder Facette dann unter Umständen in dieser Doku auch ein sehr problematisches Vorbild ist. Wenn man sagt naja, was soll man machen, wenn man drogensüchtig ist, dann braucht man halt eine Frau, die einem irgendwie durch den Alltag hilft. Und das hat sehr, sehr vereinfacht. Und da habe ich dann auch in vielen Schulen wird dann gesagt so, ja, wir wollen aber nicht über die Haftbefehl Doku in der Schule reden, weil die Texte sind problematisch usw usw Und da glaube ich ist ganz wichtig, dass Ganztagsschule dann beispielsweise auch begreift. Zur Lebenswelt Orientierung gehört eben auch, mit den Kindern über meinetwegen Straßenmusik zu sprechen oder Räubermusik oder Haftbefehl das nennt. Und das sind, glaube ich, so ganz viele Dinge, wo ich glaube, dass Schule sich da in vielen Bereichen wirklich neu erfinden muss. Gerade weil Familien dann doch auch überforderter sind, als sie vielleicht sein müssten, wenn Schule sich aus diesen ganzen Sachen raushält.
Ralf: Da wären wir vielleicht wieder ein bisschen beim zweiten Vortrag heute Vormittag.
Moritz: Hat deen Haftbefehl gehalten oder was?
Ralf: Aber da ging es auch um neue Visionen Schule neu zu denken und lernen, neu zu denken und das Begleiten vor allen Dingen.
Anna: Aber das ist ja total interessant, dass es immer mehr so Projekte, Leuchtturmprojekte, Initiativen, Programme gibt, wo man mal mit Schulen, mit einer Handvoll Schulen oder auch ein paar mehr etwas ausprobiert. Also auch die Initiative Zukunftsbildung, die auch in Heilbronn sitzt, macht es zum Beispiel auch. Ich finde es lobenswert und toll, dass sind aber häufig auch private Akteure oder gemeinnützige Akteurinnen, die das anstoßen. Wenn es gut läuft, wird man dann vom Land gefördert. Aber dass das so als große, als große Reform für ein ganzes Bundesland angegangen wird. Wir leben im Föderalismus. Die Ebene, über die wir reden müssen, dass das nicht groß angepackt wird. Ich glaube, das frustriert auch viele, und zwar nicht nur im Bereich Medienbildung, sondern insgesamt. Und darum fand ich von Frau Haug Thun diesen Vortrag auch so interessant, weil es ging eben nicht nur um Medien. Es ging darum, wie wir insgesamt Bildung auch als Haltung ganz neu denken. Und da spielt, glaube ich, Medienbildung eine von ganz, ganz, ganz vielen Rollen. Aber dass man überhaupt sich mal wagt und ich kann das als Ich arbeite auch viel in der Politik. Ich kann verstehen, dass Politik sich nicht hinstellt und sagt Wir machen jetzt an allen Schulen alles jetzt neu. Da geht ein langer, langer Beteiligungsprozess der beteiligten Akteurinnen voraus, dass jeder weiß, wie wie in Ministerien, Referentinnen, Entwürfe zusammenkommen und dann sind die Leute aber schon wieder ausgestiegen. Also wenn wir wirklich den großen Wurf wollen, müssen wir auch selber dazu bereit sein. Konflikte auch da wieder diese Konflikte auszuhalten als Gesellschaft und uns auch darauf zu verlassen, dass interdisziplinär besetzte ExpertInnengruppen mindestens so viel Wissen, wenn nicht noch mehr Wissen haben als ich, die ich selber ein Smartphone bediene und gegebenenfalls selber Kinder habe. Denn das alleine, sorry. Also verzeiht mir das. Ich habe einen 14-jährigen Sohn, ich habe eine 13-jährige Tochter, ist wunderschön für euch, aber das macht na ja, aber das macht euch nicht absolut zu Expertinnen. Das macht euch tatsächlich zu Menschen, die an ein, zwei, vielleicht manchmal auch mehr Individuen näher dran sind, aber mehr ist es nicht. Ich glaube, wir müssen uns an der Stelle, so wie ich mich von Schulpolitik versuche, immer wieder zu distanzieren, weil es lange her, dass ich in der Schule lange her ist, dass ich in der Schule war. Lange, lange müssen wir auch an der Stelle uns kritisch hinterfragen, was. Also wir haben hier gut reden, aber sind wir dann wirklich auch bereit, dass so ein großer politischer Transformationsprozess. Ohne dass wir alle nochmal einzeln unseren Senf in einem Podcast dazu abgegeben haben, dass der einfach so läuft. Eine kritische Selbstbefragung.
Ralf: Und das vielleicht sogar mit Beteiligung der Kinder.
Moritz: Du hast grad gesagt es geht um Trauen. Und ich glaube, dass die Situation, in der wir jetzt leben, dass es in allen Bereichen gibt es tolle Leute, die sich was trauen, die sich trauen, Dinge auszuprobieren, Schulkonzepte oder auch im außerschulischen Bildungsbereich. Und ich habe ein bisschen das Gefühl, dass gerade im Bereich Medienerziehung mit diesen ganzen Risiken, die da meinetwegen jetzt von Rossmann an irgendwelchen Bushaltestellen Niedersachsen kleben. Da glaube ich, haben viele Menschen Angst. Oh Gott, bevor ich da was falsch mache, mach ich lieber nichts. Und das heißt, ich habe Schulen erlebt, wo gesagt wurde, wir wollen jetzt das Handy. Nutzungsverbot, weil wir nicht wissen, wie wir das gut machen können, so sinngemäß. Und das ist, glaube ich, wo ich denke ja, okay, dann muss das aber Notlauf sein. Das heißt, wir können jetzt vielleicht erst einmal sagen, wir müssen Schulen meinetwegen handyfrei machen, bis wir in der Lage sind, das wieder zu erlauben, bis wir in der Lage sind, Konzepte Zu entwickeln, die individuell für jede Schule passen. Und das ist, glaube ich, im Moment das. Es gibt tolle Konzepte, aber es ist immer eher. Jemand, der sich wirklich traut zu sagen Ich probiere das jetzt mal aus.
Anna: Ja und wer ist das wir? Das ist ja meine grundsätzliche Frage, Wenn alle immer an allem beteiligt werden wollen. Das ist. Ich kann das gut verstehen. Aber gerade beim Thema Bildung ist es ja auch nicht so, dass diejenigen. Vor allen Dingen marginalisierte Gruppen wirklich beteiligt werden oder überhaupt. Der Raum geschaffen wird, sich beteiligen zu können. Es sind dann also die Podcast Hörerinnen, die uns jetzt hier nicht in diesem Raum sehen. Wir sind drei weiße Personen. Wir haben auch eine bestimmte Situiertheit, mit der wir über Medienbildung sprechen. Also ich glaube, das ist wichtig mit zu reflektieren und dass wir eben nicht über diese Leute sprechen, die aus welchen Gründen auch immer nicht dazu in der Lage sind, es gut mit ihren Kindern zu besprechen. Ich finde es gut, dass es Leute gibt, die sich das trauen. Das braucht es auch überall und das wird es immer brauchen. Aber Deutschland ist auch ein sehr risikoavers Land. Gibt es auch gute Bücher schon dazu? Wir sind sehr-
Moritz: Wie heißt das? Risikoavers?
Anna: Risikoavers.
Moritz: Was ist das?
Anna: Das heißt, dass wir uns eher schwertun damit, ins Risiko zu gehen, dass wir als Gesellschaft und das hat viel mit der Geschichte der preußischen Verwaltung zu tun. Fun Fact Es gibt so kulturhistorische Entwicklung, dass man sagt In Deutschland ist es wichtig, vorher einmal alles auf alle Risiken abgeprüft zu haben. Alles einmal irgendwie und Szenario A bis F und A. Und wenn das nicht, dann müssen wir mal gucken. Und das hat viel mit kulturhistorischen Bedingungen zu tun. Und das macht aber auch was damit. Ob ich mich einfach mal traue oder ob ich sage, ich muss mir einen doppelten Boden und ein Sicherheitsnetz gemacht haben, weil da könnte was passieren. Jetzt sag ich mal so einen Schulleiter, der mehrfach den Deutschen Schulpreis gewonnen hat aus Süddeutschland, der hat bei einem tollen Vortrag gesagt Was soll mir denn passieren, ich bin verbeamtet. Ja ne, also auch so die eigene, die das eigene Risiko an der Stelle intelligent einzuschätzen. Das fand ich sehr zugespitzt, aber sehr gut.
Moritz: Das ist dann aber auch sehr unpreußisch von mir jetzt gerade das wie ein Podcast ohne Soundtrack aufnehmen. Das ist nicht so deutsch.
Anna: Die KI regelt das doch nachher für dich oder ?
Moritz: Wenn es verzerrt ist, nicht. Ich weiß nicht. Vielleicht.
Ralf: Ich. Es ist schon wieder mein Job zu sagen, dass wir am Ende angekommen sind. Wir müssen Schluss machen, weil wir gleich den Saal räumen müssen. Haben wir ein schönes Schlusswort.
Moritz: Schlusswort? Also, ich habe mir angeguckt. Es sieht nicht so aus, als wäre es verzerrt. Also, es ist.
Ralf: Das ist gut.
Anna: Sehr gutes Schlusswort.
Ralf: Dann sagen wir. Vielen Dank fürs Herkommen. Fürs Zuhören. Wo findet man deinen Podcast? Überall.
Anna: Mein Podcast findet man überall.
Ralf: Wir haben hier so Visitenkarten.
Anna: Ja, ich. Papier ist nicht so meins. Genau. Berufsjugendlich ist der Podcast, den findet ihr überall wo es Podcasts gibt und mich findet ihr auf Instagram unter Medien.Politik.Partizipation.
Ralf: Beides werden wir auf jeden Fall den Shownotes verlinken. Und wir sagen Auf Wiederhören.
Moritz: Tschüss.
Anna: Tschüssi.