Transkript:
Moritz: Heute ist Mittwoch, der 12. November 2025 und wir melden uns zwischendurch mit einer neuen Folge von "Was mit Medienerziehung", dem Podcast von Smiley e.V.. Üblicherweise erscheinen unsere Folgen immer jeden zweiten Montag. Allerdings ist es so, Wenn uns zwischendurch Themen begegnen, wo wir das Gefühl haben, wir können nicht warten auf den nächsten Montag, dann gibt es eine Zwischendurchfolge. So auch heute. Mein Name ist Moritz Becker und mir gegenüber sitzt mein Kollege Ralf Willius.
Ralf: Hallo!
Moritz: Der ein wenig auf dem Sprung ist.
Ralf: Ja, ich muss beizeiten los.
Moritz: Okay. Ich möchte mit dir über die Haftbefehl Doku sprechen.
Ralf: Ja, Du hast ja schon in der letzten Folge vorgeschlagen, das zu thematisieren. Ich hatte sie bis dahin noch nicht gesehen.
Moritz: Hast du sie jetzt gesehen?
Ralf: Ja.
Moritz: Was ist dein Eindruck? Ganz kurz.
Ralf: Ich bin so ein bisschen hin und hergerissen, sage ich mal, ich fand sie faszinierend. Auf der einen Seite ja. Interessant, aber auch erschreckend.
Moritz: Vielleicht fassen wir mal ganz kurz zusammen, worum es geht. Vor ein paar Tagen ist auf Netflix "Babo -die Haftbefehls Story" veröffentlicht worden. In dem Film wird das Leben des aus Offenbach stammenden Rappers Aykut Anhan, der unter dem Namen Haftbefehl bekannt wurde, beschrieben.
Ralf: Du nennst es Film. Es handelt sich dabei aber eher um eine Doku.
Moritz: Ja, das ist ein Punkt, über den ich später noch mal sprechen möchte. Später. Ich würde gerne erstmal ganz kurz für alle, die Haftbefehl nicht kennen, erzählen, über wen wir hier sprechen. Und zwar ist Aykut Anhan 1985 in Offenbach geboren, hat schon mit 14 seinen Vater Durch einen Suizid, auf den wir später auch noch mal zu sprechen kommen werden, verloren und ist dann. Zumindest wird es so dargestellt, infolgedessen kriminell geworden. Hat sich sein Geld unter anderem als Dealer verdient. Inspiriert unter anderem durch amerikanischen HipHop, hat er dann angefangen, Texte zu schreiben, ist nach und nach erfolgreich geworden und spätestens seit 2010, würde ich sagen, hat er es geschafft, zu einem der erfolgreichsten und auch einflussreichsten Rappern Deutschlands zu werden. Dessen Sprache oder Themen und vor allem auch Ästhetik des Raps auch von Menschen gefeiert wird, die eigentlich gar keinen HipHop mögen. Und das ist tatsächlich bei Haftbefehl anders, als das jetzt beispielsweise bei Bushido oder Sido der Fall war.
Ralf: In seinen Texten behandelt er im Prinzip so typische Gangsta Rap Themen. Er beschreibt das Leben auf der Straße. Dabei geht es viel um Kriminalität, Armut, Migration und vor allen Dingen auch um soziale Ungerechtigkeit. Ich würde sagen, dass viele Texte sehr gesellschaftskritisch sind und vor allen Dingen auch die Herausforderungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschreibt oder behandelt.
Moritz: Ja, und auch wenn er seit Jahren nicht mehr wirklich, sagen wir mal, im Ghetto lebt, ist er auch heute noch so etwas wie eine Identifikationsfigur für Jugendliche, die sich vielleicht auch als chancenlos begreifen oder einem ähnlichen Milieu groß werden.
Ralf: Ja klar. Und auch wenn Haftbefehl mittlerweile 40 Jahre alt ist, denke ich, dass er immer noch einen großen Einfluss auf heutige Jugendliche hat.
Moritz: Ja, weil ich denke, dass er auch in seinen aktuellen Texten, obwohl er jetzt nicht mehr wirklich im Ghetto lebt, immer noch eine sehr hohe Authentizität hat und auch diesen Traum verkörpert. Raus aus dem Ghetto durch eigenes Talent, es zu schaffen, dann tatsächlich in der großen Welt ernst genommen zu werden. Und das ist sicherlich eine Idolstellung, die er da hat. Und in der Doku ist dieser Aufstieg aus dem Ghetto hin zur Lichtgestalt Haftbefehl nur ein Teil. Es wurden im Prinzip zwei Jahre aus dem Leben von Haftbefehl dokumentiert, das heißt, ein Kamerateam hat ihn mehr oder weniger überall hin begleitet. Dazu später vielleicht aber noch mal mehr. Und auf die Weise wird auch sehr deutlich dokumentiert der letztendlich Fall dieses Idols durch einen sehr drastischen Drogenkonsums bzw die gesundheitlichen Folgen dieses Drogenkonsums, die sehr extrem dargestellt werden.
Ralf: Sehr extrem auf jeden Fall.
Moritz: Und ich würde sagen, dass das auch das ist, was am meisten hängenbleibt, wenn man sich die Doku anguckt. Und ich glaube auch das ist das, was ja so verstörend letztendlich wirkt.
Ralf: Du hast vorhin schon angedeutet, dass du mit dem Begriff Dokumentation ich sag mal so, deine Schwierigkeiten hast. Habe ich zumindest so verstanden.
Moritz: Ja, und das ist auch einer der Gründe, weshalb ich das Gefühl habe, dass wir diese Podcastfolge aufnehmen sollten. Also irgendwie fühle ich mich auch ein bisschen schlecht dabei, weil alle möglichen Leute was dazu gesagt haben. Und vielleicht ist auch schon alles dazu gesagt. Aber für mich ist das eigentlich keine klassische Dokumentation, sondern eher so etwas wie eine autobiografische Dokumentation. Den Begriff gibt es vielleicht gar nicht, das weiß ich nicht. Aber in dem Fall ist es nicht so, dass da jemand von außen drauf geguckt hat und sagt, das und das müssen wir jetzt darstellen, sondern Haftbefehl selber bzw Aykut Anhan ist derjenige, der maßgeblich daran beteiligt ist, was hier gezeigt wird und was nicht.
Ralf: Also es ist so gesehen keine journalistisch neutrale Dokumentation.
Moritz: Nein, genau. Es ist eine Inszenierung und es ist durchaus legitim, dass Haftbefehl selber sagt Ich möchte diese Dokumentation so machen, dass sie mein Leben aus meiner Sicht beschreibt. Das bedeutet aber, dass es keine. Das ist keine, keine wissenschaftliche journalistische Arbeit, sondern es ist eine Inszenierung, wo man Wirklich beim Zuschauen begreifen muss. Wir wissen letztendlich nichts über die wahren Gegebenheiten. Also das heißt, wenn wir uns jetzt anmaßen, dort das Verhalten von einzelnen Menschen zu beurteilen, dann muss uns immer klar sein, dass das die Perspektive ist, die dort von dem Umfeld von Haftbefehl, wenn man so will, wer auch immer dann wie viel Einfluss genau hatte, dort gewählt wurde. Und vor diesem Hintergrund spielt eine ganz wichtige Rolle natürlich wieder Authentizität. Und das haben verschiedene an der Produktion beteiligten Menschen im Nachhinein öffentlich gesagt, dass sie beeindruckt waren, was Haftbefehl alles erlaubt hat, was gefilmt werden darf oder er nie gesagt hat Schneidet das raus. Und auf die Weise sind diese sehr drastischen Darstellungen, wo er da wirklich wie so ein ganz armseliges Drogenopfer inszeniert wird, natürlich noch mal viel drastischer. Also man denkt, so würde man selber ja niemals dargestellt werden wollen, aber anderen hat es letztendlich dann doch gewollt und auch zugelassen. Und auf diese Weise kommt man durch diese sicherlich sehr gut gemachte Inszenierung oder einen wirklich sehr gut gemachten Film diesem Haftbefehl, dieser Person, dieses Idols unglaublich nahe. Und da glaube ich, dass es halt insbesondere wenn da so eine sehr schwierige Lebenssituation oder eine sehr schwierige Biographie dargestellt wird, es gerade für Jugendliche, die vielleicht auf der Suche nach Halt sind, in ähnlichen Situationen wahnsinnig anspruchsvoll ist, zwischen Inszenierung und Realität zu unterscheiden. Und ich habe in dem Moment, wo ich den Film zum Ersten Mal gesehen habe, auch so diese dieses, dieses Verstörende wahrgenommen, aber irgendwie auch eine ganz große Sympathie mit dieser Person. Also auch wenn man gedacht hat, so was macht der da irgendwie hat man schon gedacht, das ist schon auch ein sehr zerbrechlicher, sehr sensibler Mann, der dort in erster Linie Opfer auch seiner Drogenkarriere ist. Und beim genaueren Betrachten ist mir aufgefallen, dass es eigentlich ja, ich würde sagen, ich habe fünf Filme in einem gesehen, also fünf unterschiedliche Dokumentationen.
Ralf: Fünf?
Moritz: Also fünf mögliche Perspektiven oder Interpretationen.
Ralf: Ich bin gespannt.
Moritz: Ja, ich fange mit der ersten an, also eine Dokumentation, die ich gesehen habe in diesem Film, ist über den, was wir vorhin schon besprochen haben Aufstieg aus dem chancenlos wirkenden Ghetto. Also dass jemand nur mit seinem eigenen Talent es schafft, wirklich von ganz unten hoch sich hochzuarbeiten zu einem wirklich sehr, sehr gut verdienenden Familienvater mit großem Auto und all dem, wovon man vielleicht als 13-jähriger ohne Schulabschluss träumt.
Ralf: Also der amerikanische Traum in Anführungsstrichen.
Moritz: Es ist ein amerikanischer Hip Hop Traum. Also wirklich raus aus der Gosse, durchs eigene Talent, sich durchboxen und dann am Ende wirklich ernst genommen werden. Und das gibt so Dinge wie meinetwegen kriminell sein oder dass man übergangsweise mit Drogen dealen muss, um sich das Geld so zu verdienen, dass man die Möglichkeit hat, dann den Rücken frei zu haben, um sich künstlerisch auszuagieren und so einen Kram, das gehört alles mit dazu und hat, glaube ich, für Kinder und Jugendliche, so wie wir es vorhin überlegt haben, die sich in einer ähnlichen Situation fühlen, eine ganz große, ja so eine ganz große Vorbildfunktion-
Ralf: Vorbild, auf jeden Fall.
Moritz: - die vielleicht für so einen Mittelschichtspädagogen für mich gar nicht so maßgeblich ist, dass ich also diesen Teil der Doku unter Umständen gar nicht so wahrnehme. Wenn ich jetzt einfach nur mich darauf beschränke, zu sagen Guck mal, da siehst du einfach so ein, so ein Junkie. Und das ist letztendlich die zweite Dokumentation, die ich in dieser einen Dokumentation gesehen habe, ist eine Dokumentation darüber, was jahrelanger Drogenkonsum mit einem Menschen anrichten kann. Es wird dargestellt, wie Haftbefehl dort als Künstler auf der Bühne vor Publikum kollabiert, wo infolge des Kokainkonsums. Also es wird so dargestellt oder nach eigenen Angaben konsumiert er seit seiner Jugendzeit Kokain, also über einen langen Zeitraum. Also er tritt mit blutender Nase auf, und das, was auf mich einen sehr bleibenden Eindruck hinterlassen hat, ist die Nase. Also das heißt, die letzten Gespräche, die er dort geführt hat, wo er vor der Kamera sitzt, ist die Nase in sich zusammengefallen, weil durch den jahrelangen Kokainkonsum mehr oder weniger sich die Nasenscheidewand aufgelöst hat. Ich weiß nicht genau, was da passiert ist. Und das ist.
Ralf: Würdest du sagen, dass der Film Drogen verherrlicht, in der Art und Weise, wie er darüber berichtet?
Moritz: Also für mich ist es nur abschreckend, aber das gilt nur für mich, weil also für mich in meiner jetzigen Lebenssituation spielt Kokainkonsum oder ist auch gar keine Option. Und deswegen ist es für mich nur abschreckend. Wenn ich das sehe, ekelt mich das eher an, oder? Ich denke so Also schon alleine diese Darstellung der Nase ist etwas, was mich wo ich denke so wie kann man nur so viel koksen? Jetzt ist aber der Punkt, dass diese erste Interpretation des Filmes, also diese dieser Aufstieg aus dem Ghetto, dieses Idol hafte für mich gar nicht So relevant ist. Wenn ich mir jetzt aber vorstelle, dass ich den Traum habe, aus dem Ghetto aufzusteigen und vielleicht das Gefühl habe, da gehört eben so ein gewisser Kokainkonsum halt einfach auch so mit dazu. Und das ist vielleicht durchaus auch legitim.
Ralf: Ich sage mal, wenn wenn er einfach drei Jahre früher aufgehört hätte, Drogen zu nehmen, dann wäre es so der Rockstar oder Rap Star.
Moritz: Wo das ein bisschen dazugehört. Ja, genau. Und das kann unter Umständen für ganz andere Menschen, also jetzt nicht für uns beide, dann doch irgendwie so was Drogen verherrlichen, das haben und oder verharmlosendes. Und ich hätte auch ehrlich gesagt nicht gedacht, dass man so lange in seinem Leben Kokain konsumieren kann. Ich hätte gedacht, dass man schon viel früher kollabiert und das wird bei den meisten Drogenabhängigen wahrscheinlich auch so sein. Also wäre das jetzt eine Doku gewesen über einen Drogenabhängigen am Frankfurter Bahnhof, Dann hätte man unter Umständen nur dieses Elend gehabt, aber ohne dieses ganze Jetsetleben. Und von daher glaube ich, dass es eben nicht nur eine Dokumentation über Drogen ist, sondern auch eine Dokumentation über die anderen vier Perspektiven, die ich da wahrgenommen habe, was es dann in der Summe so wahnsinnig schwierig macht, insbesondere für Jugendliche, die sich vielleicht die Frage stellen Kann man überhaupt so erfolgreich sein, ohne letztendlich auch Drogen zu nehmen?
Ralf: Habe ich für mich aber auch so gedacht beim Gucken, weil es so beides dargestellt wird. Also einerseits diese unglaublich zerbrechliche Mensch, der am Boden liegt, auf der anderen Seite aber doch dieser Erfolg.
Moritz: Genau. Und das wird ja von einzelnen Akteuren dann auch so beschrieben. Ja, da hat halt ein Rockstar Leben geführt und da gehört es so ein bisschen dazu. Und er ist zu Terminen immer zu spät gekommen. Das war dann vielleicht ärgerlich, aber irgendwie hat das irgendwie dann doch auch so was sehr Glorifiziertes. Und das, wenn du jetzt vielleicht denkst, okay, ich bin auch ein zerbrechlicher Mensch oder ich habe meinetwegen auch schwere Schicksalsschläge erlitten, aber mit dem entsprechenden Ventil, das dann Kokain ist, kann ich dann auch so erfolgreich werden. Ich muss halt nur ein bisschen schlauer sein und ein bisschen weniger Drogen nehmen. Das finde ich halt so wichtig, dass wenn man sich Videos anguckt von vor fünf Jahren oder auch Interviews, dann ist da ein, sagen wir mal sehr gesunder oder gesund wirkender Haftbefehl zu sehen, der sehr eloquent scherzt und tolle Interviews gibt. Und dann denkt man so Ja, so wie vor fünf Jahren, das möchte ich da mein Leben lang haben. Und da musste er damals auch schon schwer drogenabhängig gewesen sein. Aber das hat man so nicht wahrgenommen. Das ist ich finde, das ist.
Ralf: Dann wäre es schon verherrlichend oder es kann verherrlichen wirken. Sagen wir's mal so.
Moritz: Genau das hättest du jetzt bei so einem Crackopfer in irgendeinem Stadtpark nicht. Und das ist. Von daher, glaube ich, ist eigentlich so ein Superstar kein besonders gutes Beispiel, um daran den die Auswirkungen von jahrelangem Drogenkonsum zu verdeutlichen.
Ralf: Ich vermute auch nicht, dass der vom Bahnhof dann irgendeinen Therapieplatz bekommen hätte, so wie Haftbefehl den ja letztendlich bekommen hat.
Moritz: Den er aber eigentlich auch nicht wollte. Zumindest ist das das, was wir sehen. Und ich glaube, dass man sich nicht anmaßen darf, wirklich zu beurteilen, Teilen, wie das Leben oder der Alltag von Aykut Anhan oder seiner ganzen Familie ausgesehen hat. Weil wir sehen nur das, was in der Doku zu sehen ist. Wir sehen nur die Inszenierung eines Mannes, der keinen Therapieplatz wollte. Wir wissen nicht, wie viele Versuche es vielleicht doch gegeben hat, da auszusteigen, die aber nicht dargestellt werden. Und das spielt bei den anderen Sichtweisen, die ich habe. Das sind ja fünf Perspektiven oder Dokus, die ich gesehen habe.
Ralf: Wir sind bei drei jetzt, glaub ich.
Moritz: Jetzt kommt der dritte.
Ralf: Okay.
Moritz: Ich habe einen Film gesehen über Geschlechterrollen oder vielleicht fast schon Geschlechterklischees. Da ist der Vater, der selber wohl schwer depressiv war, sich mehrere Male versucht hat, das Leben zu nehmen, von seinem Sohn daran gehindert wurde. Also sehr, sehr drastisch in der. Also auch das etwas, was mich sehr bewegt hat, was das für einen Jugendlichen bedeutet und der seine Depression in Spielsucht wohl unter Umständen kompensiert hat. Und auch hier muss man sagen es steht niemandem zu, solche tiefgehenden psychologischen Analysen durchzuführen, anhand eines Films, anhand einer Inszenierung. Aber das ist das, was ich gesehen habe. Und die Mutter beispielsweise taucht gar nicht auf. Also sie spielt scheinbar keine Rolle. Ich habe gelesen, dass sie wohl auch interviewt wurde, aber dann selber sich gewünscht hat, nicht in diesem Film aufzutauchen. Und das ist etwas, was ich auch absolut zu respektieren. Also finde ich ganz wichtig, das zu respektieren, weil hier geht es um eine zeitgeschichtliche Darstellung. Und ich glaube, dass ganz viele Wunden, um die es da geht, noch lange nicht verheilt sind, so dass also absolut nachvollziehbar ist, dass die Mutter dort nicht im O-Ton auftauchen möchte. Auf die Weise kommt sie, aber sie spielt kaum eine Rolle in der ganzen Biographie von Aykut Anhan. Sehr präsent, oder eine sehr wichtige Rolle spielt allerdings seine Frau.
Ralf: Ja, sie ist im Prinzip die, die alles zusammenhält. Eine Frau, die im Hintergrund alles managt, Kinder, Familie, alles zusammenhält und ihm-
Moritz: Den Rücken freihält.
Ralf: - den Rücken, ich wollte gerade sagen den Rücken frei hält.
Moritz: Ist sie ein starker Mensch?
Ralf: Ja, ich glaube schon, dass sie eine starke Rolle einnimmt im Leben.
Moritz: Aber ist sie ein starker Mensch?
Ralf: Das weiß ich nicht.
Moritz: Und ich glaube, das weiß niemand, der oder die die Doku gesehen hat. Und ich habe ganz viel gelesen über die Rolle von Nina. Also so heißt sie Nina Anhan, wo gesagt wird, dass sie durch ihr Verhalten im Grunde genommen Aykut Anhans Drogenkonsum ermöglicht hat, weil sie eben nicht wie eine vermeintlich wirklich starke Frau ihn auf den Pott gesetzt hat und gesagt hat Hier kriegt er einen Scheiß geregelt. Das wissen wir alles nicht. Das, was dargestellt wird, ist im Prinzip eine Frau, die so aus meiner Perspektive wie in so einer Koabhängigkeit im Grunde genommen verzweifelt. Also sie sitzt da auch und weint verzweifelt, ist von dem, was sie da im Alltag erlebt. Und jetzt gibt es aber auch die Interpretation der Rolle, dass es eine sehr starke Frau ist, die in der Lage ist, alles alleine zu managen und die ohne diese Stärke schon lange verzweifelt wäre.
Ralf: Und wenn, dann 15-, 16-jährige, sowohl Jungen als auch Mädchen das gucken. Dieses Bild transportiert wird. Also für beide Seiten.
Moritz: Ich glaube, es ist ein Film über Geschlechterrollen, der sehr problematisch sein kann. Er stellt es nicht kontrovers dar. Also niemand kommt und sagt na ja, aber guck mal hier, weil du dich so und so verhältst, macht es ist es ja viel einfacher.
Ralf: Vielleicht ist es deswegen unsere Aufgabe, das pädagogisch einzuordnen oder als Aufgabe von Eltern, auch wenn Kinder das gucken oder Jugendliche.
Moritz: Der Film ist ab 16. Aber ich bin mir sicher, dass viele Kinder und Jugendliche den gesehen haben, die wesentlich jünger sind.
Ralf: Ja, auf jeden Fall! Und wenn da diese Einordnung nicht stattfindet, ist das ein schlechtes Rollenbild, was vermittelt wird.
Moritz: Kann, es zumindest kann. Ich weiß es nicht. Aber auch hier wäre es jetzt nur eine Dokumentation über die Problematik innerhalb einer Familie oder innerhalb einer Beziehung. Wenn einer oder eine von beiden drogenabhängig ist, wäre das was ganz anderes. Und in diesem Fall ist aber gerade diese ganze Kombination wieder wahnsinnig anspruchsvoll, wo vielleicht dann jemand für sich selber sagen kann Na ja, ich habe halt auch eine schwere Kindheit und ich muss halt irgendwie Drogen nehmen usw usw. Deshalb brauche ich eine starke Frau, von der ich erwarten kann, dass sie mir den Rücken freihält. Oder andersherum, dass vielleicht Mädchen, wenn man jetzt wirklich so diese Geschlechterstereotypen mal so annimmt, dass die dann für sich sagen na ja, es ist ja toll, dass ich einen wirklich erfolgreichen Mann gefunden habe und deshalb ist es halt mein Job, ihm den Rücken freizuhalten. Und da muss ich meine Bedürfnisse eben einfach zurückstellen, vor allem, wenn es um und das ist letztendlich die nächste Dokumentation, die ich in dieser Dokumentation gesehen habe, wenn es um den Umgang mit Depressionen oder Traumata geht. Denn ich hatte es ja vorhin schon angedeutet Der jugendliche Haftbefehl hat seinen Vater mindestens einmal am Suizid gehindert und dann musste er miterleben, letztendlich, wie der Vater dann tatsächlich gestorben ist. Auch hier Es steht niemandem zu. Anhand einer 90 minütigen Inszenierung ein Traumata festzustellen. Also das ist völlig. Es ist einfach falsch, das zu tun. Aber in der Interpretation ist es so Und auch hier glaube ich, dass Kindern und Jugendlichen, wenn sie das gucken, auch wenn sie noch nicht 16 sind, müssen im Prinzip Alternativen angeboten werden im Umgang mit psychischen Problemen oder Erkrankungen. Und es wird im Prinzip so dargestellt, dass eigentlich dieses dieses dieses künstlerische Genie von Haftbefehl war im Prinzip auch nur so möglich, weil er dort ganz viel an Traumabewältigung in seinen Texten-
Ralf: Die das behandeln.
Moritz: Jeder Song ist ein Stück Therapie und das ist auch etwas, was man spürt, wenn man sich diese Texte dann wirklich sehr genau anhört. Also das sind ganz tolle Texte, die Begriffe, das Vokabular.
Ralf: Sprachlich vielleicht nicht.
Moritz: Ja, das Vokabular ist nicht unproblematisch, aber es sind zum ganz großen Teil Sprachbilder, die er skizziert, wo ich glaube, dass es Menschen mit Depressionen oder oder Traumaerfahrung oder welche Parallelen auch immer jemand dann für sich entdeckt. Zum Leben von Haftbefehl.
Ralf: Den gibt das was.
Moritz: Ja und das ist, das ist das, was ich halt gefährlich finde, wenn eine Doku, die für über 16-jährige konzipiert ist, wo man sagt okay, das ist schon klar, dass Suizid keine Lösung ist, dass man das bei jüngeren Menschen nicht unbedingt annehmen kann. Also dass man sagt, da gibt es vielleicht doch noch mehr außer Texte schreiben, Drogen und Suizid, sondern vielleicht einfach Therapie. Oder. Und das ist jetzt vielleicht von mir wieder so ein bisschen übertrieben, aber auch das ist für mich so ein Männlichkeitsbild. Und natürlich hast du, du hast eine, hast eine schwere Jugend gehabt und so, ist ja klar irgendwie. Aber da musst du dich dann halt durchbeißen und dann mit ein bisschen Drogen klappt das schon irgendwie. Und da ist, glaube ich das was halt für mich so das, was ich schon gesagt habe, diese Nase, da reicht das glaube ich nicht. Jugendlichen zu sagen so, hier, pass auf, wenn du dich für den Weg von Haftbefehl entscheidest, hast du am Ende keine Nase mehr. Und das wollen wir ja alle nicht. So, so einfach ist das nicht.
Ralf: Du hast noch einen fünften Film gesehen?
Moritz: Ja, über die Brutalität der Musikindustrie oder Unterhaltungsindustrie.
Ralf: Waren live dabei. Die haben das alles mitbekommen. Die wussten, wie es ihm geht.
Moritz: Und die aber trotzdem zugunsten von Umsatz ihn immer wieder nicht vor sich selber geschützt haben, sondern das Ganze vermarktet haben und er auftreten musste in einem Zustand, wo man eigentlich sagen würde Das kannst du nicht machen, das kann man nicht verantworten. Und dann ist das auch so, finde ich, sehr scheinheilig, Wenn dann die einzelnen Leute sich da hinsetzen und sagen so, ja, da haben wir aber ganz schön Sorge gehabt, dass er zur Unterzeichnung nicht kommt und so und es dann aber doch irgendwie so ein bisschen verklärt dargestellt wird wie so sind halt Popstars. Und ich glaube, dass diese ganze Netflix Dokumentation auch Teil dieser Verwertung ist.
Ralf: Netflix will auch sein Geld damit verdienen.
Moritz: Das heißt auch da glaube ich, dass da natürlich auch finanzielle Interessen dahinterstecken. Und wenn ich es richtig verstanden habe, stehen jetzt auch die nächsten Auftritte. Also ich glaube, so eine kleine Clubtour oder so oder mehrere kleine Auftritte sind geplant. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob das stimmt. Das ist letztendlich auch etwas, was ich sehr schwer finde, alles so voneinander zu trennen. Also das eigentlich auch noch mit diesem ganzen Elend wahnsinnig viel Geld verdient wird, oder? Und das ist ja durchaus legitim. Haftbefehl oder Aykut an sich inszeniert also als jemand, der irgendwie interessant ist, um anschließend seine Karriere nach vorne zu bringen. Und das ist alles so wahnsinnig schwierig voneinander zu trennen.
Ralf: Aber er ist auf jeden Fall wieder Thema.
Moritz: Wie gesagt, ich finde es absolut legitim. Das kann ein Künstler machen, also ein Künstler. Also Kunst ist frei. Ich kann mich inszenieren, wie ich will. Und es ist sehr, sehr erfolgreich, was da gerade passiert ist. Und die große Schwierigkeit ist eben wirklich zwischen, sagen wir mal Fiktion, Inszenierung und Realität zu unterscheiden. Also gerade deshalb ist er so wahnsinnig erfolgreich, weil es so schwer voneinander zu trennen ist. Und ich weiß jetzt ja nur, wie der Film mich schon komplett überfordert hat und wie viel Gedanken ich mir gemacht habe. Und meinetwegen meine fünf Perspektiven da jetzt überlegt habe. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich alle Menschen, meinetwegen gerade Kinder und Jugendliche, die den Film sehen, auch wenn er erst ab 16 ist, so schaffen.
Ralf: Das weiß ich auch nicht, Moritz. Und deswegen ist es, glaube ich, durchaus wichtig, dass Eltern über diesen Film Bescheid wissen.
Moritz: Ja, vor allen Dingen die Eltern von den Kindern und Jugendlichen, die sich ganz besonders mit Haftbefehl identifizieren oder die vielleicht ganz besonders an sich selber scheitern. Mit Traumata, Mit vielleicht. Ja, zumindest glaube ich, dass es unter Umständen Eltern gibt, die genau das nicht können. Also das ist eine riesengroße Herausforderung. Genau an diese Eltern. Und da stelle ich mir immer die Frage Wenn es die Eltern nicht können, wer dann? Und da gab es aus verschiedenen Richtungen jetzt die Forderung, dass Haftbefehl im Schulunterricht thematisiert werden muss. Und da haben sich einzelne Lehrkräfte oder Bildungsverantwortliche dann auch direkt gegen verwehrt und haben gesagt Nein, also die Texte von Haftbefehl sind so problematisch.
Ralf: Was auch so ist, glaube ich. Also im Sinne des Klischees also also so muss Rap sein oder.
Moritz: So muss Rap nicht sein, Aber so ist er.
Ralf: So ist er.
Moritz: Und ich glaube, dass das nicht unbedingt ein Widerspruch ist. Also erstmal finde ich wichtig, wenn du jetzt im Deutschunterricht einen ganz bestimmten Text behandelst, dann machst du das nicht unbedingt als Fan. Also wenn man jetzt meinetwegen Goethe behandelt oder so, dann macht man das nicht, weil man irgendwie Goethe großartig findet oder will, dass alle Leute Goethe dann feiern, sondern man möchte, dass man sich mit den Texten auseinandersetzt vor dem entsprechenden Hintergrund, weshalb man das dann macht. Und genauso wäre das mit Haftbefehl Texten auch das. Also gerade dieses Auseinandernehmen der Texte zu klären. Warum sagt er hier Hurensohn? Oder was ist mit diesen sexistischen Sprachbildern gemeint? Um dann herauszustellen, worum es eigentlich geht? Ist es vielleicht gerade die Herausforderung, sagen wir mal, problematische Texte zu behandeln? Nicht weil sie gut sind, sondern weil sie in der Summe sehr falsch verstanden werden können?
Ralf: Ja, und vielleicht kann ja auch dieser Film Thema sein, in Politik zum Beispiel. Also das, was wir jetzt hier gerade gemacht haben, das mit einer Klasse zu diskutieren, rauszuschälen, worum es da wirklich geht.
Moritz: Ja, zum Beispiel kannst du das als medienpädagogisches Thema nehmen. Also wie funktioniert diese Doku? Ist es eine echte Dokumentation? Ist das eine Inszenierung? Wäre medienpädagogisches Thema, gehört klar in die Schule. Ich glaube das auch, gerade weil man sich halt nicht zu 100 % drauf verlassen kann, dass Eltern all das übernehmen, was wir jetzt hier eigentlich gerade fordern, dass auch so ein Lebensweltbezug in der Schule eine Rolle spielt. Das ist im Deutschunterricht gar nicht unbedingt jetzt, um die, sagen wir mal pädagogisch wertvollen Texte geht, wenn sie es denn irgendwie sind, sondern eigentlich eher um Lebensweltbezug, um Kinder zu begleiten.
Ralf: Und du hast es schon bei Goethe gesagt, und ich glaube, das gilt auch für diesen Film. Man muss den Film nicht gut finden, um ihn zu thematisieren.
Moritz: Nein, genau. Und das, glaube ich, ist, wenn. Wenn ich jetzt über Haftbefehl sprechen würde als Lehrkraft, dann nicht im Interesse, dass anschließend alle sagen, das ist ja eine-
Ralf: Hafti ist eine ganz coole Sau.
Moritz: Ne genau. Sondern um zu erreichen, dass vielleicht manche Kinder auf die Weise die Chance haben, meinetwegen mit Traumata, Depressionen anders umzugehen, als man vielleicht denkt. Wenn man jetzt nur die Texte hört oder wenn man sich die Doku anguckt und sagt naja bis weiß ich nicht. 2020 war das ja irgendwie ganz cool und ich glaube, Kokain ist nie cool in der Form oder nein, auch in anderer Form nicht. Keine Ahnung. Also kann man mich jetzt sehr falsch verstehen, aber zumindest glaube ich, dass es dass es kein Zeitpunkt gab im Leben von Aykut Anhan, in der Kokain eine gute Wahl war. Aber wenn du dir wie gesagt, Interviews von vor fünf Jahren anguckst oder bei einem Konzert warst oder so, dann vor ein paar Jahren, dann würde man sagen ja, Bis zu einem gewissen Punkt ging es ja gut. Und das alles ist, glaube ich, in dieser Missverständlichkeit, dieser sehr ergreifenden Doku ich wiederhole mich einfach eine riesengroße Herausforderung für Kinder und Jugendliche.
Ralf: Unabhängig davon, dass man das jetzt in Schule diskutiert. Würdest du es als sinnvoll erachten, dass Menschen, die mit Jugendlichen zu tun haben, sich diese Dokumentation, diesen Film, diese inszenierte Dokumentation angucken?
Moritz: Ja, ich glaube, so ein Jugendzentrum kann unter Umständen auch ein sehr wichtiger außerschulischer Lernort sein, wo man sich sehr authentisch mit HipHop auseinandersetzen kann. Also ich glaube, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem lyrischen Ich in einem Hip Hop Text und der echten Person dahinter. Und das sind Sachen, die man unter Umständen in so einem Jugendzentrum, in meinetwegen irgendwelchen Webprojekten oder so sehr schön deutlich herausarbeiten kann.
Ralf: Da passt das Zitat von seiner Frau. Sie wurde gefragt, ob sie ihn liebt. Und sie hat, glaube ich, ziemlich deutlich gesagt Aykut Ja, aber Haftbefehl nicht.
Moritz: Ja, und sie nimmt damit im Grunde genommen diese Unterscheidung vor zwischen dem dem Idol Haftbefehl und dem echten Menschen dahinter. Und im Prinzip ist es ja eigentlich so, dass das Idol ist der sehr erfolgreiche Rapper aus dem Ghetto. An die weiß ich nicht, an die Spitze und die Person dahinter ist ein hoffnungslos Drogenabhängiger. Als Vater versagender, als Ehemann versagender Mensch, den sie aber liebt. Und das ist zeigt, wie wahnsinnig schwierig es ist, jetzt hier auch für Kinder und Jugendliche vielleicht zu unterscheiden. Wer ist derjenige, den ich jetzt toll finde? Also den völlig unrealistischen Haftbefehl, den es gar nicht gibt? Oder gehört nicht vielleicht doch auch die ganze Persönlichkeit dazu, die auch dieses ganze Versagen nach sich zieht, was man dann halt so vielleicht ein bisschen in Kauf nehmen muss? Und das, was wir hier jetzt noch gar nicht erzählt haben, ist, dass der Film im Endeffekt ja doch auch ein Happy End zu haben scheint. Also das heißt, mit so ein paar Umwegen macht er dann doch eine Therapie. Und der Film endet im Prinzip damit, dass er dann doch Urlaub macht und mit seinen Kindern da im Pool schwimmt oder was auch immer. Und das ist jetzt letztendlich ja nur eine Momentaufnahme, wo niemand weiß, wie geht denn diese Geschichte da weiter? Was aber gleichzeitig auch wieder dazu führt, dass ich total gespannt bin, wenn der jetzt wirklich auftritt. In welchem Zustand ist er? Und das ist so das, was mich eigentlich am allermeisten auch an mir selber stört, ist so dieses sehr Voyeuristische. Ich ergötze mich ein Stück weit an dem Elend eines anderen Menschen und da hoffe ich so ein bisschen, dass da möglichst viel inszeniert ist. Also das ist dann, dass ich nicht der Voyeur bin, der wirklich sehenden Auges sieht, wie dort ein Mensch nach und nach krepiert. Und jetzt hat er vielleicht eine Therapie gemacht. Aber wer weiß, wie das weitergeht. Und das ist auch etwas, was man mit Kindern und Jugendlichen besprechen muss. Wir wissen nicht, was da los ist. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Und es ist sicherlich großartig, wenn es jemand schafft. Durch sein Talent aus dem Ghetto, meinetwegen von mir, ist auch ein sehr reicher Mensch zu werden. Das ist toll und legitim. In der Gesamtheit ist es aber sehr schwer, einen Menschen dann komplett als Vorbild zu nehmen. Und diese Dokumentation ist keine Dokumentation, sondern eine sehr gut gemachte Inszenierung, die sehr erfolgreich ist und dazu geführt hat, dass wir eine Podcastfolge zwischendurch aufgenommen haben.
Ralf: Gut. Ich muss wirklich los, Moritz.
Moritz: Ja, Danke für deine Zeit.
Ralf: Gerne.
Moritz: Ich glaube, diese Podcastfolge habe fast nur ich gesprochen.
Ralf: Ich glaube, das ist ab und zu so.
Moritz: In der nächsten Folge kommst du dann wieder mehr zu Wort. Die gibt es am nächsten Montag. Ciao.