Amoklauf

Wer hat Schuld am Amoklauf von Emsdetten?

Wie der Amokläufer von Erfurt spielte auch Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten, mit Vorliebe "Killerspiele". Wieder gibt es eine hitzig geführte Diskussion über das Verbot solcher Computerspiele. smiley e.V. macht einen Versuch, besonnen Stellung zu beziehen.

Wieder hat es einen Amoklauf an einer deutschen Schule gegeben – keine fünf Jahre nach dem schockierenden Vorfall in Erfurt, nach dem die gesetzlichen Grundlagen für den Jugendschutz zum Teil verschärft wurden; unter anderem wurde der kleine Waffenschein eingeführt und viel über Amokläufe geredet – und es ist wieder passiert. Der Emsdettener Amokläufer Sebastian B. war noch keine 24 Stunden tot, schon wurde wieder ein Verbot von „Killerspielen“ öffentlich gefordert. Aber auch andere Schuldige werden schnell gefunden – die Schule, das Elternhaus und die soziale Isolation des Täters seien schuld. Es lohnt sich ein reflektierter Blick auf alle Beteiligten.

Sebastian galt als Einzelgänger, er hatte angeblich keine Freunde, lediglich oberflächliche Bekannte. Niemand hatte bemerkt, dass sich der 18 jährige ein regelrechtes Waffenlager zulegte. Im Internet präsentierte sich der im echten Leben auffallend schüchterne junge Mann als brachialer Kämpfer. Er produzierte Kurzfilme, in denen er sich in spektakulären Kampfszenen zeigt. Er posierte auf Fotos mit diversen Waffen, die Requisite scheint vollständig.
Schon 2004 hat er noch als Schüler in einem Internet-Beratungsforum nach Hilfe gesucht. Dort beschreibt er seinen Hass und seine Befürchtung, eines Tages durchzudrehen. Seine Familie hat wohl weder etwas von den auffälligen Hobbies noch von den Sorgen ihres isolierten Sohnes mitbekommen – oder sie entsprechend interpretiert.

Aber wer sollte genauer hinschauen, wenn nicht die Familie? Freunde! Und wenn keine da sind? Wenn jemand so unbeliebt ist wie Sebastian B.? Da ist jemand ohne Freunde, ohne Bekannte und ohne jemanden, der sich tatsächlich um ihn kümmert. Wem hätte das auffallen können? Wo war dieser vereinsamte Mensch anzutreffen? Bis zu seinem Abschluss sicherlich in der Schule.

Wie beim Amoklauf in Erfurt handelt es sich beim Täter um einen ehemaligen Schüler der betroffenen Schule. Sebastian beschrieb im Internet, dass er in der Schule vor allem eines lernte, dass er „ein Verlierer“ sei. Rache scheint ein wesentliches Motiv für seinen Amoklauf zu sein. Sicherlich kann die Schule nicht jeden Schüler intensiv über die Schulzeit hinweg betreuen, nur weil er mehrfach sitzen geblieben ist, zumal der Abschluss von Sebastian B. gar nicht auffallend schlecht war.
Die Schule ist in ihrer jetzigen Situation sicher nicht in der Lage, ausgerechnet an dieser Stelle neue Schwerpunkte zu setzen. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit nicht nur in Hinblick auf Pisa-Ergebnisse ist schon jetzt annähernd nicht zu erfüllen. Es bleibt aber festzuhalten, dass die Schule unter Umständen der einzige Ort ist, an dem ansonsten isolierte Jugendliche anzutreffen sind. Vielleicht lohnt es sich deshalb doch, noch genauer hinzusehen, wenn ein Außenseiter anderswo deutlich mehr Erfolg und Anerkennung findet als bei seinen schulischen Leistungen – zum Beispiel als Amateurfilmer. In entsprechenden Internetforen hat der Amokläufer Lob und Zuspruch bekommen für seine Darstellungen – vielleicht mehr Lob als von seinen Lehrern und Lehrerinnen. Er scheint außerdem Befriedigung und Erfolg beim Spielen von Killerspielen, in diesem Falle beim exzessiven Spielen von „Doom 3“, gefunden zu haben.

Dass die Art der Darstellung von Gewalt in einigen Spielen als jugendgefährdend gilt, ist allgemein bekannt. Dass Jugendliche sie trotz Altersbeschränkung spielen, ist offensichtlich. Ein generelles Verbot bzw. ein tatsächliches Verschwinden dieser Spiele würde alle treffen, auch jene, die über 18 Jahre alt und völlig unauffällig und vermutlich ohne problematische Folgen solche Spiele konsumieren. Es stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft ein Recht auf solche Spiele hat, wenn diese Spiele auch dazu führen, dass randständige Jugendliche durch sie zum Amoklauf animiert werden können. Sicher nicht - das lässt sich, evnetuell nach wissenschaftlicher Prüfung der Wirkung von Gewaltspielen, aus moralischen Gründen sagen. Wenn das Verbot die Lösung sei, steht dem so gesehen nichts im Wege.

Es darf aber auch nicht vergessen werden, weshalb außerdem in der öffentlichen Diskussion so viel für ein Killerspielverbot spricht: In der ganzen Kette von „Schuldigen“ am Amoklauf von Emsdetten und Erfurt – Elternhaus, soziales Umfeld, Schule, gesellschaftliche Stellung, Musik, Fernsehen, Computerspiele – kann der Staat hier mit einem Killerspielverbot am einfachsten eingreifen.
Was wären die Alternativen? Wer hat denn ein Rezept, um die Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber ihren versagenden Kindern zu vermindern? Wer soll denn die Schulpsychologen und -sozialarbeiter bezahlen, die gefährdete Schüler entdecken und betreuen? Wer will denn wirklich eine strenge Zensur für Internet, Filme und Musiktexte? Wie soll denn Jugendlichen eine Zukunft und eine Perspektive gegeben werden, wenn generell akzeptiert ist, dass Vollbeschäftigung und somit auch eine Beschäftigung für viele Schulversager eine Utopie bleibt? Das Verbot von Killerspielen einzuführen scheint leichter, als Antworten auf diese Fragen zu finden.

Es muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass der Amoklauf von Emsdetten nicht ohne etwas ganz Entscheidendes stattgefunden hat: Sprengstoffgürtel, Rohrbomben und andere Waffen – unter anderem Requisiten aus den Filmen des von Waffen faszinierten Jugendlichen, der diese bis ins Detail geplant eingesetzt hat. Der Besitz einiger dieser Waffen ist in Deutschland bereits seit Jahren verboten.

Selbst wenn ein Verbot entsprechender Computerspiele vor dem aktuellen Hintergrund sinnvoll erscheint und leicht zu begründen ist, bleibt die Wirkung eines solchen Verbots zweifelhaft. Wer so leicht an Sprengstoff und Waffen kommen kann wie die Amokläufer von Erfurt und Emsdetten, der spielt vermutlich auch verbotene Computerspiele. Also müssen doch ein anderer Wege und andere Lösungen gefunden werden. Eltern müssen sich mehr für die Belange ihrer Kinder interessieren, unter anderem für ihren Medienkonsum. Schulen müssen besser ausgestattet werden, wenn es darum geht, auffällige Schüler über das momentan Mögliche hinaus zu betreuen. Auch die aussichtslose Lebenswelt der potenziellen Amokläufer sollte mehr in die öffentliche Diskussion gerückt werden – so oder so, mit oder ohne Berücksichtigung der Rolle von gewaltverherrlichenden Computerspielen. Und wenn das alles gelingt, brauchen wir dann ein Verbot von Killerspielen?

Dieser Beitrag wurde am 22.11.2006 verfasst.

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