Demokratie

Facebook und die Macht der Nutzer

Nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Börsengang von Facebook, wird das soziale Netzwerk mit einem Staat verglichen. Wäre Facebook ein Staat, so wäre er mit über 900 Millionen Einwohnern der drittgrößte Staat der Erde. Aber wäre dieser Staat eine Demokratie? Wer bestimmt die Regeln in diesem Sozialwesen? Gibt es ein demokratisch legitimiertes Gremium, dass bei wichtigen Entscheidung den Willen der Facebook-User berücksichtigt?

ein Beitrag von Moritz Becker (smiley e.V.) und Sonja Reichmann (Landesjugendring Niedersachsen)

Grundsätzlich ist Facebook natürlich kein Staat und noch nicht einmal ein gemeinnützig orientiertes Projekt, sondern ein Geschäftsmodell. Ein Geschäftsmodell, bei dem es Geschäftspartner gibt – einen Dienstleister und einen Kunden. Wenn der Kunde nach klassischem Muster der König ist, wer ist denn dann der Kunde? Nach welchen Bedürfnissen richtet sich Facebook als Dienstleister?

Derzeit bekommen die Nutzer die Möglichkeit, die Datenschutzrichtlinien bzw. deren Veränderungen mitzubestimmen. In der deutschen Übersetzung bezeichnete sich Facebook darin als Dateninhaber der geposteten Inhalte. Auf Nachfrage erklärte Facebook, dass die Übersetzung Dateninhaber unglücklich gewählt sei, „Datenverwalter wäre treffender. Denn, um es ganz klar zu sagen: die Daten gehören selbstverständlich den Nutzern“ (http://www.heise.de/newsticker/meldung/Facebook-Frage-nach-Daten-Eigentum-geklaert-1578497.html).

Zahlender Kunde von Facebook ist nicht der User

Eine im Netz kursierenden Karikatur vergleicht das Verhältnis zwischen Facebook und Facebook-Nutzer mit dem Bild zweier Schweine, die sich im Schweinestall über das kostenlose Essen freuen – Bildunterschrift: „If you’re not paying for it, you’re not the customer. You’re the product being sold“ (“Wenn Du nicht bezahlst, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt, das verkauft wird”). Der Kunde ist so gesehen derjenige, der Facebook bezahlt. Das sind somit also z.B. Firmen, die Facebook mit Werbung für ihre Produkte beauftragen. Die Bedürfnisse dieser Kunden dürften für Facebook maßgeblich sein. Wollen die Werbepartner perfekt personalisierte Werbung, muss Facebook viele Daten erfassen. Verfolgt man die öffentliche Diskussion um Facebook, bekommt man den Eindruck, dass Facebook dies tut und sich wenig um die Bedürfnisse der User schert, der König ist schließlich wer anders.



So einfach ist es aber vermutlich nicht. Was würde aus dem 900.000.000 Einwohner-Staat Facebook werden, wenn die Einwohner alle flüchten? Was sollte Facebook dann den Werbepartnern liefern? Haben nicht dann die Nutzer auch Macht? Muss nicht ein Interesse bei Facebook vorhanden sein, seine Nutzer zu halten?

Derzeit scheint es so, dass Facebook die Nutzer durch immer neue Funktionen bei Laune halten will. Diese führen natürlich zu immer mehr (wertvollen) Datenströmen, zeigt aber, dass Facebook einem gewissen Qualitätsanspruch der Nutzer entsprechen will. Mehr Datenschutz oder Transparenz der Privatsphäreeinstellungen ist in diesem Zusammenhang eher die Ausnahme. Allerdings hat Facebook vor einigen Wochen nach einem öffentlichen Aufschrei die Android-App mit Zugriff auf den SMS Speicher des Smartphones überarbeitet – die SMS sind jetzt Tabu (Beitrag in unserem Magazin). Ob Facebook diesen Schritt ohnehin vorgehabt hätte oder ob er eine Folge der negativen Berichterstattung ist, ist nicht zu klären. Beides wäre realistisch. Im Zusammenhang mit dem Börsengang gab es viel Gerüchte über den tatsächlichen Wert von Facebook - sind die Werbemaßnahmen wirklich so beeindruckend, dass sie den Wert von je nach Schätzung über 50Milliarden Dollar rechtfertigen? Und das, obwohl die mobile Version von Facebook fast keine Werbung anzeigt? Vielleicht ist der Zeitpunkt gut, das Geschäftsmodell im Sinne von Protest zu stören. Vielleicht kann es so etwas wie „zivilen Ungehorsam“ gegenüber Facebook geben. Vielleicht kann durch bewusst merkwürdiges oder unlogisches Klick-Verhalten bei Facebook die Profilbildung der Nutzer gestört werden - kreative und effiziente Protestformen müssten entwickelt werden. Gerade Jugendarbeit bzw. Jugendbildung kann hier sicher einiges bewirken.

Facebook will die Welt offener machen – nur zu!

Mark Zuckerberg als Facebook-Vordenker beschrieb die Idee anlässlich des erfolgten Börsengangs wie folgt: „Unsere Mission ist nicht, eine börsennotierte Firma zu sein. Unsere Mission ist, unsere Welt offener zu machen und stärker zu vernetzen.“ – ein hoher Anspruch.

Dass dies auch außerhalb von Facebook in anderen digitalen sozialen Netzwerken stattfinden kann, zeigen nicht zuletzt Liquid Feedback als Instrument für Beteiligungsprozesse, Diaspora oder Friendika als dezentrale soziale Netzwerke. Diese und weitere nichtkommerziellen Tools warten darauf, zielgruppenoptimiert zum Einsatz zu kommen. Sie sind dadurch nicht unbedingt aber auch Konkurrenz für Facebook. Aber dies muss nicht im Sinne einer Verdrängung stattfinden, wie es in Deutschland jüngst dem StudiVZ passiert ist. Damit Vernetzung und Offenheit tatsächlich stattfinden können, muss es offene Schnittstellen zwischen den Anbietern geben, die Monopolstellung von Facebook widerspricht diesem Gedanken. Diese offenen Schnittstellen und Protokolle müssen Grundlage der von Zuckerberg formulierten Mission sein!

Nicht in der Abstinenz liegt die Chance

Würde die Nutzergemeinde mit entsprechendem Nachdruck Veränderungen in diese Richtung fordern, so müsste es Facebook gelingen, den Spagat zwischen Nutzerbedürfnissen und den Bedürfnissen der bezahlenden Partner zu schaffen. Das individuell geschaffene Netzwerk mit den unzähligen Freunden, Bekannten und Kollegen wäre es vielen wert, erhalten zu werden. Nicht jeder Nutzer möchte Facebook aufgeben und zu einem anderen Anbieter zu wechseln um dort wieder von vorne zu beginnen. In diesem Sinne stellt sich nicht die Frage nach der Erhaltung der Netzwerke, sondern den Aufruf zur Gestaltung der Netze! Am Ende lohnt es sich vor allem auch für die Anbieter der werbefinanzierten sozialen Netzwerke, die Bedürfnisse der „Einwohner“ zu berücksichtigen – sonst hat am Ende niemand etwas davon.


Sonja Reichmann ist Dipl.-Sozialpädagogin, Informationsdesignerin, Systemische Familientherapeutin und betreut als Projektleiterin den Jugendservers des niedersächsischen Landesjugendrings (LJR) und ist maßgeblich für die Ausgestaltung der Kampagne neXTmedia zuständig.
smiley e.V. hat im Rahmen des Qualifizierungsangebotes "Mediascout" die Bausteine "digitale native", "Virtualität" und "Engagement 2.0" inhaltlich mitgestaltet.

Dieser Beitrag wurde am 01.06.2012 verfasst.
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